Der Schoepfungsschluessel


Das Telefon klingelt. 
Es klingelt erneut, bis David abhebt und fragt: „Hier spricht David, wer ist da?“ „Hier ist Henry
am Apparat“, ertönt es an der anderen Leitung. „Hallo Henry. Wie geht es dir. Nach unserem
letzten Treffen hätte ich nicht gedacht, dich so schnell wiederzuhören. Ich hätte eher damit
gerechnet, dass du den weiteren Kontakt mit mir meiden würdest, als zu suchen.“ „Ach was,
wo denkst du hin. Alles was du mir gesagt hast, musste ich erst mal verdauen, das war an
diesem Abend etwas zu viel, aber jetzt bin ich dabei all das aufzuarbeiten. Daher mein
Anruf.“ 
David ist freudig überrascht. Nie hätte er mit diesem Anruf, nach nur drei Tagen, gerechnet.
Er ist gespannt, was Henry wohl will. Eine Anklage scheint es nicht zu werden, dafür klingt
seine Stimme zu freundlich, vielleicht mag er einfach nur reden. Das ist für David sehr
willkommen,  weil er ihn als Gesprächspartner sehr schätzt und sich auf eine weitere Runde
freuen würde. 
„Was kann ich für dich tun, Henry?“, entgegnet er ihm munter. „Weißt du, David, ich habe
jetzt das Buch einmal gelesen, oder sagen wir besser überflogen. Es klingt interessant und
daher wollte ich dich fragen, ob ich bei dir vorbeikommen könnte und wir das alles
zusammen noch mal durchgehen könnten. Weil ich merke, es ist für mich ... wie soll ich es
formulieren ... noch etwas ungewohnt, mich mit all diesen neuen Gedanken auseinander zu
setzen und anzufreunden. So dachte ich, dass wir beide zusammen die Texte mal
durchgehen könnten. Natürlich nur, wenn du Lust dazu hast und du dich auf mein niedriges
Niveau herab begeben möchtest, um mir etwas Nachhilfe im  ́Verstehen der
Zusammenhänge` zu geben“, Henry versucht mit der letzten, demütigen und doch etwas
spitzfindigen Bemerkung, David an seinem Ego zu kitzeln, um ihm ein „nein“ auf seine Bitte
schwerer zu machen, was aber gar nicht nötig ist, denn David willigt prompt ein, „na klar,
wenn du willst, stehe ich dir gern zur Seite. Wann möchtest du denn kommen?“ Henry
überlegt einen Moment und sagt: „Wie wäre es mit heute Abend? Natürlich nur, wenn du
nichts wichtiges vor hast. Ich würde auch für das Abendessen sorgen und den Wein
mitbringen.“ 
David überlegt kurz, und meint dann: „Ja, geht klar. Wie wäre es gegen 18 Uhr bei mir?“ 
„Super! Bis heute Abend dann!“
 
Nach einer liebevollen Begrüßung und ein paar beschönigenden Worten von Henry, über
David`s doch recht spärlich und günstig eingerichtete Wohnung, will er nicht viel Zeit
verlieren, denn er weiß, der Abend kann sehr lang werden und es gibt so viel, was er schon
auf den ersten paar Seiten des Buches nicht so richtig versteht. 
Beide setzen sich ins Wohnzimmer auf die bequeme Eckcouch und als Henry seinen Blick
so quer durch das Zimmer schweifen lässt, murmelt er so vor sich hin: „David du scheinst ein
rechter Gottesdiener zu sein, weil dem Mammon dienst du mit Sicherheit nicht, denn sonst
würde es in deiner Wohnung doch etwas anders ausschauen.“
David ahnt, dass Henry auf seine etwas einfache, aber praktische Wohnungseinrichtung
anspielt. Er will aber diesen kleinen „faut pas“ von Henry, schon zu Beginn des Treffens nicht
so einfach übergehen, wenngleich er weiß, dass Henry im Prinzip recht hat, man könnte
schon auch etwas mehr Wert auf den optischen Teil, als nur auf die Praktikabilität legen. Und
trotzdem will es David genau wissen und fragt ganz scheinheilig ahnungslos: „Was meinst du
denn damit?“ „Ach nur so, ich habe nur laut gedacht, ich ... äh ... ich meine, bei so viel Zeit
und Energie, die du in die Suche nach Weisheit und Verstehen investierst, kann man schon
nachvollziehen, dass für die oberflächliche Optik kaum mehr viel Zeit und Energie übrig
bleibt.“ 
Gut die Kurve bekommen, denkt sich David. Aber es wäre auch in Ordnung gewesen, wenn
Henry gesagt hätte, dass es aussieht wie in einer bunt zusammengewürfelten
Studentenbude. 
„Aber egal, fangen wir an!“, wechselt Henry das Thema und schlägt die ersten Seiten des
Schöpfungsschlüssels auf dem Wohnzimmertisch auf. 
„Sag mal David, das klingt irgendwie etwas sehr neu für mich. Mit Männlich, Weiblich, Aktiv,
Passiv, Positiv und Negativ. Da hab ich am Anfang schnell den Überblick verloren. Kannst
du mir das noch mal mit deinen Worten erklären?“
„Ja, ich kann es versuchen. Schau her Henry. Nehmen wir einfach unser aktuelles Gespräch
als Beispiel. In dem Moment, wo ich rede, bin ich im Männlich-Aktiven Feld (MA). Ich sende
aus und bestimme alleine was gesagt wird, sprich ich gebe vor, was Meinung ist. Du
dagegen, wenn du mir aufmerksam und ernsthaft zuhörst, bist auf dem Weiblich-Passiven
Feld (WP). Du nimmst auf und schenkst mir damit indirekt Anerkennung. In dieser
Konstellation fühle ich mich bestätigt von dir als „mein Weibchen“. Wenn du redest gilt das
gleiche natürlich umgekehrt.“ 
„Wäre ja auch unfair, wenn ich immer nur das Weibchen für dich sein müsste.“ Henry hat
versucht einen Scherz zu machen, aber David geht ernsthaft auf ihn ein: „Du unterschätzt
diese Art der höheren Weiblichkeit durch dein modernes Frauenbild. Diese weibliche Seite
von „Liebe und Aufmerksamkeit schenken“ ist viel höher anzusetzen als du es dir im Moment
vorstellen kannst. Das Weiblich-Passiv-Positive (WP+) Feld ist von höherer Qualität als das
Männlich-Aktive Feld (MA). Aber weiter im Text. Wenn „ich rede“, bin ich Männlich Aktiv und
wenn „du zuhörst“, bist du Weiblich Passiv. Hörst du mir ehrlich und freiwillig aufnehmend
zu, ist für uns beide alles in bester Ordnung und wir fühlen uns beide gut. Es herrscht
Harmonie.“ David schaut Henry in die Augen und dieser nickt zustimmend. 
„In dem Moment aber, wo ich zum Beispiel etwas sage, was du mit deiner Weiblichkeit,
sprich deiner Liebesfähigkeit, nicht akzeptieren kannst oder willst, blockiert dein inneres
Aufnahmesystem sofort, das heißt, du kannst dann meine Aussage nicht mehr annehmen
und mir als deinem symbolischen Männchen Respekt und Anerkennung schenken, denn das
ist, was jeder Redner als wirkliche Belohnung gerne hätte. Du befindest dich jetzt auf dem
Weiblich Passiven aber Negativen Feld (WP-) auf dem du nur unter Zwang zuhörst, weil du
mich vielleicht noch nicht unterbrechen kannst, oder du mich nicht beleidigen willst. Alles,
was ich sage, während du symbolisch auf diesem Feld bist, rauscht an dir vorbei, ohne
wirklich erfasst zu werden. Du blockierst innerlich und wartest auf eine Gelegenheit selbst
das Wort zu ergreifen, um auf das Männlich Aktive Positive Feld (MA+), das bestimmt und
vorgibt was gilt, zu gelangen.“ 
Der Ausdruck in Henrys Gesicht zeigt schon mehr Verständnis für die vier Felder der
Persönlichkeitsebene, als vor dem Gespräch, aber so richtig ist der Groschen noch nicht
gefallen, also greift David zu einer kleinen List, um ihm die Feldqualitäten noch etwas
praktischer aufzuführen. „Mal was anderes, Henry, ich hab gestern zufällig mitbekommen,
wie Bayern München gegen Real Madrid verloren hat. Das geschieht diesen arroganten
Bayern Spieler recht, dass die mal verlieren, schließlich hält die ja nur der dicke Geldbeutel
zusammen und weniger der Mannschaftsgeist und die Spielfreude.“ Henry schaltet sofort um
und seine Mine verfinstert sich etwas. Er ist vor 39 Jahren in der Nähe von München in
Wasserburg geboren worden, zumindest glaubt er das, und ist, seit er denken kann, ein
bekennender und überzeugter Bayernfan. David weiß das und bohrt weiter: „Ich finde die
Bayern sind zu dicken fetten Millionären mutiert, die sich mit ihren gigantischen Gehältern
und ihrer leuchtenden Arena zu weit von der klassischen Fußballmannschaft entfernt haben
und ...“ „Also, jetzt mach mal halb lang, David. Es spielen elf Mann gegen elf Mann und die
Bayern gewinnen in der Regel. Wo liegt dein Problem? Bist du neidisch auf das Geld, das
sie verdienen? Sie würden nicht so viel bekommen, wenn die Zuschauer und Fans ihr Spiel
nicht interessant finden würden. Und der Markt regelt die Gehälter. Außerdem ...“   „STOP!“,
ruft David, bevor Henry zu Hochform aufläuft. „Fußball ist für mich nicht so wichtig, dass ich
mich ernsthaft darüber streiten würde. Ich wollte dir nur am eigenen Leib das Gefühl geben,
das man auf Weiblich-Passiv Negativ (WP-) hat. Wie hast du dich gefühlt, als ich „deine
Bayern“ verbal angegriffen habe?“ „Unangenehm, disharmonisch, wie als wenn ich selbst
angegriffen worden wäre, gereizt, als würde sich eine innere Spannung, je länger du geredet
hast, aufbauen. Deswegen musste ich dich unterbrechen, um „meine Bayern“ zu
verteidigen.“ „Genau, du bist symbolisch vom Weiblich Passiv Negativen Feld (WP-) auf das
Kampfeld, das Männlich-Aktiv Negative Feld (MA-), gewechselt. Du wolltest dich mit mir
duellieren, weil du mein Ausgesendetes, sprich meine Meinung über die „Bayern“, nicht
akzeptieren konntest. Wie fühlte es sich denn an, nachdem du mir widersprochen hast?“
„Die innere Anspannung hat sich nach außen gekehrt, würde ich jetzt sagen. Ich fand den
Streit mit dir zwar nicht schön, aber besser als mir weiter deine Lästereien über meine
Bayern anzuhören, war es allemal.“ „Genau das wollte ich mit dieser kleinen, nicht ernst
gemeinten Anfeindung erreichen. Du wolltest durch den Streit selbst auf das Männlich Aktive
Positive Feld (MA+) gelangen und von mir recht bekommen, sprich, mich in die Weiblich
Passive Position bringen, damit ich deine Meinung als die richtigere anerkenne und
akzeptiere.“ „Stimmt, das wäre mein Ziel gewesen. Und das wäre mir auch gelungen, weil
ich solche Diskussionen schon so häufig erlebt habe, dass ich genau weiß, wie man diese
platten Aussagen von dir aushebeln kann.“ „Das will ich dir gerne glauben“, gibt David Henry
recht. „Na dann ist ja gut!“, Henry lehnt sich wieder zurück und wartet, bis David wieder das
Wort ergreift:
„Ich bin gerade in die Weiblichkeit gegangen und habe dir „recht“ gegeben und dich und
deinen Standpunkt „über die Bayern“ ehrlich akzeptiert. Ich habe dir Platz gemacht auf dem
Männlich Aktiv Positive Feld (MA+), dich freiwillig anerkannt und schon ist alles wieder gut
und harmonisch. 
Auf dem Männlichen Aktiven Positiven Feld (MA+) kann immer nur einer bestehen bleiben,
wenn mehrere gleichzeitig bestimmen wollen, die sich nicht gegenseitig einig sind, dann
landen sie immer auf dem Männlichen Aktiven Negativen Feld (MA-), und streiten sich wer
jetzt den besseren Standpunkt hat. In der Regel setzt sich der Stärkere durch, der Klügere
aber, gibt rechtzeitig nach, ehe der Streit eskaliert und bemüht sich einfach, den Standpunkt
des anderen nachzuvollziehen und ihn zu verstehen, denn dann kann er ganz einfach
ehrliche Anerkennung schenken und alles ist wieder harmonisch. Du wirst sehen, dass du
diesen Schlüssel auf jede Situation anwenden kannst, wenn dir die vier Felder der
Persönlichkeitsebene in Fleisch und Blut übergegangen sind.“ 
 
Henry beginnt das System der Schablone immer besser zu verstehen, so dass David noch
ergänzt: „So einseitig und extrem die Aussagen eines Menschen auch sein mögen, wenn
man weiß, dass der andere von seinem Standpunkt, unter Berücksichtigung all seiner
Erziehung, Erfahrung und seines Wissens, immer recht hat, wenn auch nur ein bisschen,
dann besteht grundsätzlich immer die Möglichkeit auf das Weiblich Passive Positive Feld
(WP+) zu wechseln und das, was jetzt ist, zu lieben. Wie du jetzt vielleicht siehst, ist das
Verstehen der Schlüssel zum inneren Glück und zur Harmonie mit seiner Welt und das ist im
Schwerpunkt auf dem Weiblich Passiven Positiven Feld (WP+) anzusiedeln. Aber jetzt lass
uns weiterlesen und wenn du Fragen oder Einwände hast, dann melde dich einfach.“ „Gut,
mach ich“, sagt Henry und beginnt die Seite umzublättern.