Der Schoepfungsschluessel


Henry erhebt seinen Blick und schaut in das Wohnzimmer. Er erinnert sich an seinen
Jugendwunsch irgendwann auch so ein berühmter Star auf der Bühne vor Tausenden von
Menschen zu sein. Alle wollen ihn sehen und sind begeistern, wenn er seine Arme erhebt.
 ́Na ja, irgendwie schon albern ́, denkt er sich, als um Schlag 12 Uhr aus dem Nichts, sein
Handyklingelton mit der Melodie von Beethovens „Ode an die Freude“ wieder erklingt. Henry
legt das Buch zur Seite und zieht sein Telefon erneut aus der Hosentasche, schaut wie
üblich auf das Display und sagt: „Das ist meine momentane Freundin Constance.
Wahrscheinlich wundert sie sich, dass ich noch nicht zu Hause bin. Ich hab ihr gesagt, dass
ich wahrscheinlich so gegen 11 Uhr wieder da bin.“ Henry öffnet das Handy und meldet sich:
„Hi, Süße. Sorgst du dich schon um mich?“
„Wo steckst du Henry? Ich warte seit einer Stunde auf dich. Ich wollte dich überraschen und
dachte, wir verbringen die Nacht zusammen in deiner Wohnung, oder besser deinem Bett.“
„Das wusste ich nicht. Aber das klingt verlockend.“
„Wie lange soll ich noch warten? Schaffst du ein Uhr?“
„Tut mir leid mein Schatz, aber ich glaube nicht, dass wir bis dahin fertig sind. Am besten du
wartest heute nicht mehr auf mich und schläfst, wenn dir danach ist.“
„Na vielen Dank. Sonst beschwerst du dich, dass wir zu wenig miteinander intim sind und
jetzt krieg ich eine Abfuhr von dir.“ 
Henry hatten einen Moment ein schlechtes Gewissen, aber warum? Es war nicht geplant,
dass Constance heute noch in seiner Wohnung auftaucht. Außerdem weiß sie, dass er
weggefahren ist.
„Bist du bei einer anderen Frau?“, ertönt es plötzlich aus dem Hörer mit einer Stimme, die an
ein Verhör erinnern würde.
„Nein. Bin ich nicht. Ich bin bei einem alten Schulfreund in St. Gallen und wir lesen
zusammen ein Buch.“
„Um 12 Uhr nachts! Und deswegen kannst du auch nicht nach Hause kommen. Eine
dümmere Ausrede ist dir wohl nicht eingefallen! Wie heißt sie!“ Ihre eifersüchtige Stimme
irritiert Henry so sehr, dass fünf Sekunden Schweigen entstehen, bis Constance, fast schon
schluchzend die Stille unterbricht: „Henry wie konntest du nur! Ich hatte dir vertraut. Ich
dachte, zwischen uns ist alles in Ordnung ...“ 
„STOP. Constance. Ich bin bei David. Es gibt keinen Grund eifersüchtig zu sein. Willst du
mal mit ihm sprechen, damit du dich beruhigen kannst?“ 
„Ja!“, lautet die wieder etwas gefasstere Antwort am Telefon.
Henry überreicht David, der das Gespräch soweit mitgekriegt hat, das Telefon mit den
Worten: „Hier bitte, sprich mit ihr und sag ihr, dass es keinen Grund zur Eifersucht gibt.“
„Hallo Constance, hier spricht David.“
„Oh. Hallo. Das tut mir leid. Ich dachte, dich gibt es gar nicht und du bist nur eine Erfindung
von Henry“, klingt es etwas kleinlaut aus dem Handy.
„Mich gibt es auch in Wirklichkeit nicht! Aber nicht Henry hat mich erfunden, sondern der
Autor von dem Buch, das wir gerade durchstudieren, hat mich erfunden.“
Schweigen breitet sich aus. 
 
„Hallo, Constance, bist du noch dran?“, fragt David.
„Ja. Noch. Kann ich bitte Henry wieder sprechen!“, erschallt ihr Stimme mit einer Brise
frostiger Kälte in Davids Ohr.
„Hier. Sie will dich wieder sprechen.“
Henry nimmt das Telefon und wirft David, für diese dumme Antwort einen vorwurfsvollen
Blick zu. 
„Hi Süße. Das war ein Witz von David. Er ist halt ein Scherzkeks.“
„Verarschen kann ich mich selber. Ich fahre jetzt nach Hause und ob ich morgen oder am
Wochenende Zeit habe, das weiß ich noch nicht. Vielleicht muss ich mit meinen
Kindergartenfreundinnen Blinde Kuh und Topfschlagen spielen. Viel Spaß noch bei eurer
spannenden Mitternachtslektüre.“  
Es klickte und das Gespräch ist beendet.
 
„Sie ist halt etwas temperamentvoller und liebt mich“, versucht Henry seine Freundin in
Schutz zu nehmen.
„Sehr männlich. Würde ich sagen“, entgegnet David. „Du verwechselst  ́haben wollen ́ und
 ́Besitz ́ mit  ́Liebe`. Die wirkliche weibliche Liebe (WP+) kennt keine Eifersucht, während die
männliche Liebe (MA) sich gerade darin auszeichnet, dass sie alle Konkurrenten bekämpft“,
belehrt David.
„Ja, schon klar. Du hast recht. Aber wo findest du heutzutage eine Frau, die wirklich
Weibliche Liebe lebt? Also, ich kenne keine. In meinem Umfeld gibt es fast nur männliche
Frauen, die mehr oder weniger selbst immer sagen wollen, wo es lang geht und wie es
gemacht wird.“ 
„Da kann ich dir nur sagen, wenn du eine gefunden hast, dann heirate sie am besten. Es
laufen auch meines Wissens nicht viele rum“, ist die spontane Antwort von David.
 
„Sag mal, David, was überhaupt sollte dieser blöde Spruch von  ́Mich gibt es in Wirklichkeit
nicht! Der Autor von dem Buch hat mich erfunden ́, mit der du meine Freundin vergrault und
mir eine Menge Ärger eingebrockt hast. Das kostet mich wieder ein Abendessen und
wahrscheinlich ein paar neue Schuhe für sie“, beschwert sich Henry vorwurfsvoll (Anmerk. d.
Verf.: dies ist ein Beispiel für ein Geschenk aus dem MA- Feld heraus).
„Warum? Ich hab doch nur die Wahrheit gesagt! Aber es tut mir leid, wenn ich dir damit
Ärger gemacht habe“, entschuldigt sich David.
„Na, egal Scheiß drauf. Aber bitte erzähl so einen Schwachsinn keinem meiner Freunde oder
Kollegen mehr. Schließlich hab ich keine Lust dich jedes Mal zu verteidigen.“
„Wie du willst“, willigt David etwas beleidigt ein (WP-). Schließlich hat er es nicht böse
gemeint. Er hat ja nur die Wahrheit gesagt. 
 ́Aber was soll’s. Henry wird das schon noch mitkriegen, dass alles nur Illusion ist. 
Aber alles zu seiner Zeit! ́, denkt er sich innerlich und entspannt wieder.
Henry dagegen nimmt wieder das Buch zur Hand und liest weiter.