Der Schoepfungsschluessel


„Da fällt mir meine Vision von einem neuen Schulsystem wieder ein“, platzt es aus David
spontan heraus.
„Wieso Vision? Was gefällt dir denn an unserem Schulsystem nicht?“, fragt Henry mit einer
überraschten Mine im Gesicht, weil er bisher das deutsche und vor allem das bayrische
Schulsystem nicht schlecht fand. Natürlich ist es hier und da renovierungsbedürftig, aber im
Großen und Ganzen ist er damit einverstanden.
 
David und Henry lernten sich auf einem Münchner Gymnasium kennen, weil der Vater von
David beruflich nach Deutschland wechselte. David war damals 15 Jahre alt. Er und seine
Familie wohnten bis zu seinem Abitur in der bayrischen Hauptstadt und zogen danach
wieder zurück in die Schweiz, da sich der Vater in St. Gallen mit einem Pharmaunternehmen
selbständig gemacht hatte.
 
„Machst du einen Witz, Henry? Überdenk doch mal das Schulsystem in Deutschland! Das
momentane System grenzt an einer permanenten geistigen Vergewaltigung der Kinder!
Alles baut nur auf Zwang und Druck auf. Die Kinder müssen zu einer bestimmten Zeit in
einem festen Alter einen vorgegebenen Stoff erlernen, oder besser auswendig lernen, damit
sie der Gesellschaft genügen und in der Klassenstufe aufsteigen dürfen. Das läuft ab wie in
einer Maschine, ohne auf die individuelle Struktur des Kindes einzugehen. Das Kind muss
sich dem Lehrstoff anpassen. Eigentlich wäre es umgekehrt sinnvoller, oder nicht?
Die Kinder haben unterschiedliche innere Reifestufen und verschiedene Interessen und
Fähigkeiten, die in der Schule alle uniformiert werden. Wenn ein Kind in Mathematik ein
Genie ist, kann er trotzdem ein Schulversager sein und damit seinen Spaß am Lernen
verlieren, weil er in Latein und Englisch einfach nicht auf einen grünen Zweig kommt.
Außerdem werden die Kinder größtenteils mit totem stumpfsinnigem Wissen und starren
Logikformen konfrontiert, die im Lebensalltag und dem späteren Job keinerlei Relevanz
besitzen.“
„Jetzt mach mal halblang. Das sind ja ganz schön heftige Vorwürfe von dir. Außerdem
wirken sie ziemlich polemisch. Etwas mehr Sachlichkeit hätte ich von dir schon erwartet.
Unsere Schule als „geistige Vergewaltigung“ zu bezeichnen, kann ich dir nicht
unterschreiben!“, verteidigt Henry seine Vorstellung von der Ausbildung der Kinder.
„Du willst konkrete Beispiele! O.k. Was ich aber vorweg ausklammere ist lesen, schreiben
und die Grundrechenarten der Mathematik, also alles, was man bis zur 4. Kasse
Grundschule gelernt haben sollte. Ansonsten frag ich dich, wann du die letzte
Kurvendiskussion aus der Mathematik mit Nullstellen, 1. und 2. Ableitung, Wendepunkt und
das Berechnen der Extremas angewendet hast? Oder wann war für dich eine
Polynomdivision notwendig? Du kannst dich doch hoffentlich noch daran erinnern? Damit
werden die Schüler viele Jahre in der Oberstufe gequält? Oder wann hast du deine letzte
Gedichtsinterpretation geschrieben? Und die Landwirtschaftsreform aus dem russischen
Novosibirsk wiederholt, weil sie so entscheidend für dein Leben ist? Oder all die dummen
und unwichtigen Geschichtsdaten, die bis zum Erbrechen aus jeder Epoche erlernt werden
mussten? Ich sage dir, mehr als 90 % von all dem Wissen, das ich an der Schule auswendig
lernen musste, um gute Noten zu schreiben und in die nächste Klasse zu kommen, besteht
aus genau solchen, fürs Leben völlig unwichtigen Fakten und Logiken, die aus geistigen
Selbstschutzgründen fast alle wieder vergessen werden, wenn die Prüfung rum ist. 
Glaubst du wirklich, dass das für ein glückliches und harmonisches Leben wichtig ist und
man daher den Menschen zwingen muss, all das zu lernen?“
David schaut Henry einige Sekunden an und proklamiert weiter:
„Aber wiederum machte es Sinn, dass man das Wissen zur Verfügung stellt, für Menschen,
die sich dafür interessieren, findest du nicht auch, Henry?“ 
Henry schnauft einmal durch. Er hat schon durchschaut, dass David ihn mit einer
manipulierten Frage konfrontiert, weil allein die Formulierung nur eine Antwort zulässt. Aber
er kann David im Moment nichts entgegensetzen. Also nickt er zustimmend dezent mit dem
Kopf und David fährt fort.
„Was weißt du noch von diesem riesigen Berg an Wissen, welchen du während der Schulzeit
eingetrichtert bekommen hast?“
„Na ja, nicht mehr so viel, im Verhältnis, was ich alles an Wissen in mich hineingeschaufelt
habe“, gibt Henry etwas kleinlaut zu. 
So kritisch hat er es noch nicht gesehen, aber er konnte David nicht wiedersprechen.
Darüber hat er sich oberflächlich selbst schon oft Gedanken gemacht, aber dann schnell
wieder verworfen. Das führt ja eh zu nichts.
„Wer bestimmt eigentlich, „was“ die Kinder „wann“ und in „welcher“ Zeit lernen müssen?“,
erhöht David erneut den Druck auf Henry, der sich wieder mal in die Ecke gedrängt fühlt.
„Die Schulbehörde und die Politik, sprich das Kultusministerium in Bayern zum Beispiel. Das
macht die Lehrpläne und entscheidet, was offiziell gelernt werden muss“, antwortet Henry
und stellt sich innerlich schon wieder auf einen Schlag von David ein. Der lässt auch nicht
lange auf sich warten: 
„Stimmt! Und woher nehmen diese scheinbar genialsten Geister der Menschheit die
Autorität und die Kompetenz zu entscheiden, was alle Kinder zu lernen haben? Woher
wissen diese geistigen Überflieger, was für alle Menschen zum Lernen gut ist? Und
aus welchem Grund zwingen sie die Kinder, durch den Schulzwang, genau dieses Wissen
wie ein kleiner Schwamm aufzusaugen? Und gleichzeitig zwingen sie die Lehrer durch die
schönen Annehmlichkeiten des Beamtentums sich peinlich genau an diesen Lehrplan zu
halten.“
Henry schluckt erneut und antwortet:
„Ja, das weiß ich nicht. Ich glaube auch, dass man diese Frage gar nicht stellt. Man
akzeptiert es einfach.“ Er merkt selber, dass er sich mit dieser Aussage selbst gegen die
Wand geredet hat. Aber es scheint tatsächlich so zu sein.
David nickt und lächelt, so wie ein Sokrates in den Platondialogen vor dem geistigen Auge
der Leser gelächelt haben muss, wenn sich seine Diskussionspartner selbst ad absurdum
geführt haben.  
„Du hast recht, David. Ich glaube nicht, dass ein Grüppchen von Politiker entscheiden kann,
was alle Kinder zu lernen haben. Das fühlt sich so nüchtern betrachtet nicht stimmig an. Aber
kritisieren kann man immer leicht, einen besseren Vorschlag unterdessen, haben die
wenigsten. Dann schieß doch mal los mit deiner Vision von einem neuen Schulsystem!“,
fordert Henry, David auf.
David schaut ihn an, steht dann auf, geht ein paar Schritte auf das Fenster zu und schaut auf
die Häuserdächer hinaus. Nach einer kurzen Pause, in der er seine Gedanken sammelt,
fängt er an, Henry seine Idee zu veranschaulichen: „Also, stell dir vor es gibt keinen festen
Lehrstoff, keine festen Klassen, keine unterschiedlichen Schulen, keine festen Zeiten,
keine festen Lehrer, keine Noten, keine Abschlüsse, keine Prüfungen, keine allgemein
gültigen Schulbücher und keine klassischen Schulen an sich mehr.“
„Willst du mich veräppeln. Da bleibt ja nichts mehr übrig! Wie soll denn dann das Wissen
übermittelt werden?“, fragt Henry etwas verwirrt.


„Nur Geduld,“ winkt David ab und fährt fort: „Stell dir weiter vor, jeder kann zu jeder Zeit alles
lernen, was er will! Das Alter, das Geschlecht, die Rasse und die Nationalität spielen keine
Rolle. Es gibt keinen Zwang zum Lernen und kein Noten- und Prüfungsdruck liegen auf dem
Menschen. Jeder darf Schüler sein und jeder darf gleichzeitig Lehrer sein, wenn folgende
Bedingungen erfüllt sind: Ein Schüler muss die Offenheit und die Bereitschaft, sowie
das Interesse zum Lernen eines bestimmten Stoffes oder bestimmter Fähigkeiten
mitbringen. Er muss freiwillig lernen wollen, am besten aus Freude am Stoff und
weniger mit einem Belohnungsdenken im Hintergrund! Außerdem muss er vom Alter
und vom geistigen Fassungsvermögen fähig sein, den Stoff aufzunehmen. 
Ein Lehrer dagegen muss das Wissen und die Kenntnis über den zu vermittelnden
Stoff besitzen. Außerdem ist es wichtig, dass er freiwillig lehrt, ohne Druck und Zwang
und dass er Freude an der Weitergabe seiner Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt.
Wenn diese Punkte gegeben sind, dann kann jeder Lernender oder Lehrender sein!“
 
„Das hört sich ziemlich chaotisch an.“
„Hinter dem oberflächlichen Chaos steht immer eine selbstorganisierende Ordnung, die eine
viel höhere Komplexität umfasst, als es sich ein kleiner Menschenverstand je errechnen
könnte.“ 
„Und wer überprüft, ob das, was die Lehrer den Schülern erzählen auch richtig ist?“
„Das ergibt sich doch von selbst. Was heißt schon „richtig“ und „falsch“, wenn doch alles
relativ ist. Wenn ein Lehrer keinen kompetenten Eindruck macht, dann werden die Schüler
automatisch abwandern, weil ja keine Zwangsbindung wie heute besteht. Das müsstest du
doch als Marktwirtschaftler am besten wissen: ein solcher freier Markt reguliert sich von ganz
alleine!“
Henry brummelt kurz, weil ihm David jetzt mit seinen eigenen Waffen vor der Nase
herumfuchtelt und er ihm nicht wirklich etwas entgegensetzen kann. Denn er weiß aus
eigener Erfahrung, dass solche Systeme funktionieren. Sie wirken, wie ein übergroßer
Organismus, der sich selbst steuert und reguliert. Und das funktioniert am besten, je weniger
Einschränkungen und Beschneidungen man vornimmt. Man könnte auch sagen, es ist der
Fluss des Lebens selbst, der sich immer wieder ausgleicht und in ein harmonisches
Gleichgewicht führt. Das läuft am reibungslosesten, je weniger sich der Mensch mit seinem
Ego einmischt.
 
„Und wie willst du garantieren, dass alle Schüler das gleiche Wissen und auf einem
bestimmten Niveau sind?“, hinterfragt Henry.
„Gar nicht! Es gibt kein uniformiertes Wissen mehr, nicht einmal lesen, schreiben und
rechnen. Wenn der Mensch innerlich die Lust verspürt „Lesen“ zu lernen, dann kann er zu
jedem Zeitpunkt seiner Entwicklung genau dies tun. Ob mit vier Jahren oder mit 60 Jahren ist
dabei völlig egal. Wichtig ist nur: jeder Mensch bestimmt aus sich heraus, „was“ er „wann“
von „wem“ lernen will! Wer meinst du wohl weiß eher, was für dich gut ist: irgendein Politiker
oder Beamter hinter seinem Schreibtisch oder du selbst?“
„Na ich selbst natürlich. Aber das gilt doch nicht unbedingt auch für Kinder“, versucht Henry
wenigstens noch ein bisschen Gegendruck aufzubauen. 
„Warum nicht? Glaubst du Kinder wissen nicht was sie wollen, oder was ihnen gut tut? Es
spricht ja nichts dagegen Kindern, Impulse zu geben und sie auf gewisse Themen
aufmerksam zu machen, aber die letzte Entscheidung liegt bei den Kindern, ob sie lernen
wollen oder nicht.“
 
„Dann werden die nie etwas lernen. Oder glaubst du, dass die Kinder von heute freiwillig
lernen wollen, ohne einen Druck und Belohnung?“
„Nicht in diesem heutigen Schulsystem. Da gebe ich dir völlig recht. Es vermiest die Freude
am Lernen, weil gar kein Platz dafür ist. Es heißt nur „friss oder stirb“ in der Schule. Wer
nicht lernt und sich anpasst an den Stoff, der geht unter!
Weißt du wann die Phase ist, wo Kinder ihre Eltern mit allerlei Fragen über Gott und die Welt
bombardieren?“
„Keine Ahnung, ich hab noch keine Kinder.“
„ Bevor sie eingeschult werden. Danach wird genau diese Neugierde, mit jedem Schuljahr
mehr verstümmelt, bis nur noch ein programmierter Zombie am Ende des Abiturs übrigbleibt,
der glaubt fast schon alles zu wissen, weil er ein riesiges Sammelsurium an Wissensballast
mit sich rumschleppt.“
Irgendwie findet Henry, dass David trotz allem etwas übertreibt. So schlimm ist es auch
nicht. Aber ihm fällt im Moment kein stichhaltiges Gegenargument ein, also fragt er einfach
mal drauf los:
„Und wie entwickeln sich unsere Spezialisten?“ 
„Jeder wird ein viel größerer Spezialist werden als alle Universitäten dieser Welt
hervorbringen können, weil sich genau in diesem System die individuellen Fähigkeit eines
jeden Menschen durch die Freude am Lernen voll entfalten können, ohne von lästigem
Ballast gestört zu werden. Der Mensch kann sich voll auf seine Stärken und seine Talente
konzentrieren und hat alle Zeit, diese auszubauen und zu perfektionieren.“
 
„Und wer garantiert den Unternehmen die Fachkompetenz? Es gibt ja keinen Abschluss,
oder?“
„Man kann am Ende eines Kurses vielleicht eine Bestätigung bekommen, wenn man will.
Aber für einen Job wird dies nicht erforderlich sein, weil man sich genauso einen Job suchen
wird, der einem Freude macht und für den man fachkompetent ist. Das ergibt sich genauso
von alleine. Du darfst Kinder, die freiwillig und aus Freude lernen, nicht mit den
programmierten, nach Noten und Scheinen strebenden Zombies von heute verwechseln. Es
ist eine ganz neue und geistig viel weiterentwickelte Generation. Viele Probleme lösen sich
von alleine, weil der Mensch sich optimal entfalten kann. Er muss sich nicht mehr ständig
auf dem Frustfeld (WP-) oder dem Kampffeld (MA-) tummeln und von einem negativen
Kreislauf in den nächsten taumeln, sondern darf selbst bestimmen (MA+) und kann freiwillig
aufnehmen (WP+). Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und ist mit ganz besonderen
Fähigkeiten ausgestattet.“ 
David geht mittlerweile im Zimmer auf und ab, während Henrys Kopf sich wie bei einem
Tennisspiel bewegt.
 
„Die selbstbestimmte Ausbildung wird ein Leben lang gehen und nicht nur bis zum
Schulabschluss, weil man danach keine Lust mehr auf Lernen hat. Jeder kann seinen
eigenen individuellen Stundenplan erstellen. Der Schüler wählt die Lehrer und der Lehrer
wählt die Schüler. Die Bindung zwischen Lehrer und Schüler ist nicht auf ein Jahr begrenzt,
sondern kann sich ein Leben lang festigen. Es ist das alte „Meister und Schüler“-Verhältnis
aus dem viele Genies aller Epochen entsprungen sind“, schwärmt David und blickt gen
Himmel. 
„Es gibt keine festen Klassen mehr, sondern einzelne themenorientierte Kurse, die mit den
unterschiedlichsten Menschen besetzt sind. Jung und alt sitzen in einem Klassenzimmer
zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Stell dir vor ein siebenjähriges Mädchen hilft
einem fünfzigjährigen Inder dabei, deutsch zu lesen, weil sie beide zufällig nebeneinander in
einem Deutschlesekurs für Anfänger sitzen. Oder ein 15jähriger Schüler sitzt neben einer
65jährigen Oma im Handarbeitskurs für Fortgeschrittene. Die Schüler helfen sich gegenseitig
und schließen viel schneller Freundschaften und zwar innerhalb aller Altersschichten, denn
sie teilen bereits die gleiche Begeisterung für ein Thema.
Was da an Synergie fließt ist unvorstellbar. Menschen treffen auf so viel andere Menschen
und wachsen miteinander in ungeahnte Höhen. Jeder hat die Möglichkeit sein Potential auf
dem bestmöglichsten Weg auszuschöpfen. Die Bürokratie wird auf ein Minimum reduziert.
Der Kontakt zwischen Lehrer und Schüler ist es, der zählt und beide entscheiden über die
Lernbedingungen und nicht irgendein Sesselfurzer mit einem Paragraphenhandbuch.“   
 
„Kann es wohl sein, David, dass du da noch ein paar Feindbilder in dir trägst? Du sagst doch
immer: Liebe deine Feinde und alles ist gut so, wie es ist! “, kontert Henry spitzfindig, im
Glauben endlich eine kleine Schwachstelle in der David-Persönlichkeit gefunden zu haben.
„Da könntest du recht haben. Ich bin gerade so in Fahrt, dass vielleicht hier und da noch ein
bisschen der Feindbildcharakter mitschwingt, aber das ändert nichts an den Tatsachen.
Außerdem heißt es nicht, dass keine Wandlung innerhalb der perfekten Schöpfung
stattfinden soll und alles nur konservativ bleibt! Weil gerade das es ist, was das Leben und
seine Dynamik ausmachen. Das Neue wird nur auf den Schultern des Alten aufgebaut und
damit gewinnt auch das Alte schon an Wert, weil es der Nährboden, der Kontrast und die
Grundlage für die nächste Entwicklungsstufe ist“, erklärt David wieder mit einer etwas
ruhigeren Stimme.
 ́Es hat keinen Sinn mit David zu diskutieren. Immer findet er irgendein Schlupfloch aus dem
er elegant herauskommt ́, denkt sich Henry und spart sich jeden weiteren provokativen
Kommentar, stattdessen versucht er das neue Lernsystem von David weiter zu hinterfragen:
 
„Und was ist mit dem Material und den Unterrichtsräumen?“
„Die sind doch alle schon vorhanden. Es gibt genug Schulräume und andere Möglichkeiten,
die genutzt werden können. Warst du schon mal in einer Unibibliothek? Du wirst mit einer
Wissensvielfalt förmlich erschlagen. Und im Internet gibt es ebenso nahezu unendlich
Wissen, das wächst und wächst mit jedem neuen Tag. Platz und Material sind
überausreichend vorrätig. Außerdem liegt es in letzter Konsequenz an den Anforderungen
des Lehrers und der Schüler, wo und wie sie zusammenarbeiten möchten. Auch das wird
sich von selbst regulieren. Die meiste Zeit wird der Schüler sowieso aus sich selbst lernen.
Der Lehrer in höheren Kursstufen wird immer mehr zum Impulsgeber werden, wie ein
Dirigent in einem Orchester. Wie der Lehrer seinen Unterricht gestaltet und mit welchen
Methoden bleibt völlig ihm überlassen. Es gibt so wenig wie möglich Vorschriften darüber.“ 
 
„Und wie und woher weiß der Schüler, welcher Lehrer welchen Kurs mit welchen
Anforderungen anbietet? Wie komme ich als Schüler zu diesen Informationen?“
„Hier ist ein minimaler Aufwand an Verwaltung nötig. Aber nicht mehr, als z. B. eine
Internetplattform zu schaffen auf der jeder Lehrer selbständig seinen Kurs, die Zeiten, den
Ort, das Thema, die Anforderungen und was sonst noch so nötig ist, eintragen kann. Es
könnte nach Städten, Regionen und Themen gegliedert sein und jeder kann sich von überall
einen Überblick verschaffen.“
 
„Klingt gut. Was mich noch interessiert ist, warum willst du keine Noten haben?“
„Weil sie nicht nötig sind und vom eigentlichen Ziel, dem Wissen an sich, ablenken. Genauso
wie Geld vom Leben ablenkt. In diesem neuen System braucht es keine Bewertung, weil der
Schüler keine Anreize in der Form von:  ́Wenn du artig alles auswendig lernst, dann
bekommst du auch eine gute Note und alle sind mit dir einverstanden! ́ braucht. Jeder
Schüler lernt freiwillig und aus Freude. Dadurch bemüht er sich automatisch und muss nicht
durch Noten gelockt werden. Seine Kurse und den Stoff hat er schließlich selbst gewählt.“
 
„Und welche Kurse können alle angeboten werden?“
 „Alles, was man erlernen kann. Es gibt im Idealfall keine Grenzen. Von Stricken, Handball,
Brotbacken, Heizungsinstallation, Hausbau, Modellbau, Garten, Gitarrespielen, ... alles, was
man sich vorstellen kann.“
„Auch ein Kurs:  ́Wie raube ich am besten eine Bank aus ́?“
„Warum nicht? Da sitzen wahrscheinlich dann viele Polizeispitzel und notieren sich
vorsichtshalber die Namen der Teilnehmer“, entgegnet David mit einem Lächeln auf die
etwas provokante Anspielung von Henry. 
 
„Das würde enorm viel selbständiges Handeln erfordern und ich glaube nicht, dass die
Kinder und Jugendlichen dazu schon in der Lage sind. Die würde das alles eher ausnützen
und sich wahrscheinlich eher in die Kurse für Computerspielen und Fußball einschreiben,
anstatt Lesen und Schreiben zu lernen.“
„Selbst wenn. Alles hat seine Zeit und irgendwann ist es bestimmt für jeden interessant,
Lesen und Schreiben zu lernen. Aber erst dann, wenn er es freiwillig will. Und wer sagt denn,
dass Kinder alleine ihren Schulplan erstellen müssen. Es spricht doch nichts gegen eine
Hilfe und Unterstützung der Eltern dort, wo es hakt. Aber die Eltern können mit dem Kind
zusammen entscheiden, was wichtig ist und gegebenenfalls jederzeit Änderungen
vornehmen.


Und eines muss dir auch klar sein: ein heutiges Schulkind würde dieses System
selbstverständlich erst mal ausnutzen. Es ist, wie wenn du nach einer anstrengenden und
kräftezehrenden Wüstenwanderung an eine Oase der Ruhe und des Friedens kommst. Das
Kind muss erst mal auf Lernentzug geschickt werden, um wieder in sich die Neugier auf
Wissen zu entwickeln, welche mit dem Eintritt in die Schule immer mehr reduziert wird. Die
Übergangszeit ist mit Sicherheit nicht einfach und mit einigen Turbulenzen und
Anfangsschwierigkeiten verbunden, aber du weißt ja:  ́lieber ein Ende mit Schrecken, als ein
Schrecken ohne Ende! ́ Je jünger ein Kind ist, desto leichter kann es wieder richtige Freude
und Begeisterung am Lernen gewinnen.“
 
„Na gut. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst. Es ist wie ein Drogensüchtiger auf Entzug.
Man muss Geduld haben und ihn soweit wie es geht unterstützen. 
Aber was ich noch wissen wollte, wie wird der Lehrer bezahlt? Sollen die Schüler selbst
bezahlen?“
„Die Bezahlung ist zweitrangig. Im Vordergrund steht die Freude am Unterrichten, das
Mitteilen und Verschenken. Die Entlohnung kommt von alleine. Man könnte sich das Ganze
auch als eine Art Generationenvertrag betrachten, bei dem die eine Generation, die nächste
so gut es geht unterrichtet. Oder wie man auch immer die Bezahlung regeln mag. Es gibt
genug Möglichkeiten, wenn man an all das denkt, was dadurch eingespart wird wie z.B.
Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Krankenkosten, usw.“ 
 
„So, so, wenn das langt, den Lebensunterhalt zu verdienen.“
„Das ist der falsche Ansatz. Das Lehren soll nicht Mittel zum Zweck werden, meinen
Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Lehrer kann auch nur fünf Stunden in der Woche
unterrichten. Es gibt da keine Einschränkungen.“
 
„Und was ist, wenn der Stoff in einem Kurs nicht geschafft wird?“
„Es gibt doch keinen Zeitdruck, weil kein Abschluss erforderlich ist, um irgendetwas zu
erreichen. Aber noch mal: ein freiwilliges Studium ist jedem Studium unter Zwang um
Welten überlegen. Diese Art von Problemen, dass der Schüler nicht genügend lernt, tritt in
diesem System nicht auf, weil er mit einem ganz anderen Engagement und Motivation an
das zu Lernende rangeht. Man versucht nicht, die Unterrichtsstunden so schnell wie möglich 
rumzukriegen, sondern ist eher enttäuscht, wenn die Zeit schon abgelaufen ist. Jeder kennt
das Gefühl bei seinem Lieblingsfach in der Schule! 
Es ist lernen auf einer ganz anderen Ebene. Jeder kennt es, findet es aber im normalen
Schulalltag nur noch ganz selten.“
 
„Langsam krieg ich mit was du meinst. Es scheint wirklich interessant zu sein. Aber die
größten Hindernisse auf diesem Weg, werden die Lehrer, die Bürokraten und das
Kultusministerium sein. Weil genau sie die Verlierer dieses neuen Unterrichtssystems sind“,
schlussfolgert Henry.
„Ja und nein. Es ist immer so, dass bei Lösungen für große Probleme, die die Verlierer sind,
welche genau mit der Lösung beauftragt wurden. Je länger das Problem andauert, desto
fester sitzen diese Menschen im Sattel und desto weniger Interesse haben sie, das Problem
wirklich in den Griff zu kriegen, weil sie dann auch ihre Jobs und ihre Macht los sind. Dieses
Phänomen siehst du vor allem in der Medizin, der Wissenschaft, der Energieversorger, der
Politik, der Industrie, der großen Hilfsorganisationen usw.. Kein Leid oder Mangel (Problem)
mehr, bedeutet auch keinen Job, keine Macht und kein Geld mehr! So werden genau diese
Menschengruppen das größte Hindernis auf dem Weg zur Lösung des Problems. Das wird
natürlich so gut es geht verschleiert, denn herauskommen darf es selbstverständlich nicht.
Ich könnte dir da Geschichten erzählen, da stehen dir die Haare zu Berge.“
„Jetzt machst du mich neugierig. Was genau meinst du denn damit?“, fragt Henry
interessiert, weil er das Prinzip noch nie so klar gesehen hat.
 

„Ganz einfach. Wenn ein Mangel entsteht, kommen clevere Pioniere und versuchen den
Mangel zu beheben. Wenn es ihnen nicht ganz gelingt, dann bemühen sie sich, es so gut es
geht zu machen und das Problem zumindest teilweise zu lösen. 
Die nächste Generation, die in die Fußstapfen der Pioniere tritt, hat schon weniger Interesse
den Mangel vollständig zu beseitigen, weil sie schließlich einen Teil ihres Lebensunterhaltes
bzw. ihrer Anerkennung durch das Problem bekommen. 
Was dann passiert, ist immer dasselbe: je länger das Problem als unlösbar angesehen
wird, desto bequemer haben es sich die Problemlöser auf ihm gemacht und finden
immer weniger Interesse, das Problem wirklich zu beseitigen. Sie werden zum größten
Hindernis, wenn man plötzlich eine neue Erfindung macht, die das Problem lösen könnte.
Dies wäre für die ehemaligen Problemlöser gleichbedeutend mit einer Entmachtung und dem
möglichen Verlust ihrer Existenz. Sie werden daher zwangsläufig alles tun, um diese neue
Erfindung, so gut es geht zu verheimlichen und zu vertuschen. Natürlich muss das alles
möglichst hinter dem Rücken der Öffentlichkeit passieren. 
Zu allem Überfluss wenden sich die Erfinder von innovativen Techniken in ihrer Euphorie
erst mal an genau diese Problemexperten, um ihnen ihre neuen Lösungskonzepte
vorzustellen, was entweder das Problem ganz oder zumindest größtenteils lösen könnte. Die
Problemexperten nicken erfreut, ziehen einen Standardknebelvertrag und einen Koffer voll
Geld aus dem Ärmel mit dem Kommentar: ,Bei uns ist ihre Erfindung in guten Händen! Wir
werden sie zum Wohl (unseres Konzerns) einsetzen! Sie sind einer der Genies unserer
Menschheit! Vielen Dank!’ 
Die Erfindung wandert dann in die Tresore oder geheimen Forschungsprojekten, aber nur in
den seltensten Fällen wird es tatsächlich zur Lösung des Problem eingesetzt. 
Was glaubst du, Henry, wenn wir jetzt eine Tablette entwickeln würden, die
Krebskrankheiten sofort heilen würde und wir gehen damit zu einem der größten
Pharmakonzerne und möchten denen die Tablette anbieten. Was würde geschehen?“
„Wahrscheinlich genau das, was du gesagt hast. Denn unterm Strich würden sie auf einen
Schlag so viel Geld verlieren, dass sie sich selbst zerstören würden.“
 
„Genau. Das gleiche Prinzip findest du in jedem alt-eingesessenen Industriekomplex, das
sich irgendwann als Problemexperte etabliert hat und es sich auf genau diesem bequem
macht. Was glaubst du, wieviel der Optikerindustrie an dem endgültigen lösen des
Sehproblems liegt? Oder der Waschmittelindustrie an der Reduzierung von
Reinigungsmitteln? Oder einem Glühbirnenhersteller an nahezu lebenslang funktionierenden
Glühbirnen? Oder der Automobilindustrie an stabilen, 30 Jahre gut funktionierenden Autos?
Oder der Petrolindustrie an der Reduzierung des Ölverbrauches? 
Vieles ist technisch, so weit ich weiß, bereits machbar. 
Das Prinzip ist folgendes: Jede alt eingesessene Industrieproduktion hat immer mehr
Interesse, dass ihre Produkte nur immer kürzer das Problem lösen oder mildern, weil der
Kunde danach wieder ein neues kaufen muss. Der Druck des Kapitalismus und der Börsen
auf die Vorstände ist mittlerweile so groß, dass Moral und Ethik, oder besser Liebe und
Selbstlosigkeit, immer mehr in die Ecke gedrängt werden. 
Aber es gibt auch bei diesem Spiel nicht wirklich einen Schuldigen. Jeder Mensch ist
so programmiert, dass er immer versucht in Maßsetzung seines Wissens und seiner
Welt- und Wertvorstellung zum besten für sich und alle anderen zu handeln. Das
Problem ist einfach mangelndes Verstehen der Schöpfungszusammenhänge und die
daraus resultierende Angst vor den Verlusten für sein Ego. Es ist Weisheit, Liebe und
Verstehen, was die ,Welt’ braucht und nicht noch ein paar Idioten mehr, die versuchen
irgendwo, irgendwie an noch mehr Geld und Macht zu kommen.
Stell dir mal vor du müsstest dein Haus, dein Auto und möglicherweise eines deiner Kinder
an eine Pflegefamilie abgeben. Was würdest du alles tun, damit du sie retten kannst? Wie
hoch wäre der Preis, den du auf Kosten deiner Umwelt und deiner Mitmenschen bereit wärst
zu zahlen?“ 
 
„Wahrscheinlich nicht gerade niedrig. Ein Mann mit dem Rücken zur Wand kann nicht mehr
viel Raum verlieren .“
Henry nickt verständig und kratzt sich am Kopf. Schließlich hat er jahrelang Wirtschaft und
Finanzen studiert, aber noch nie hat er es, so auf den Punkt gebracht, gehört.
 
„Wie du jetzt vielleicht verstehst sind immer diejenigen, die sich seit langem einem
Problem angenommen haben, gleichzeitig das größte Hindernis auf dem Weg zu einer
endgültigen Lösung. Wenn du also nach den Ursachen suchst, warum ein Problem immer
noch nicht gelöst ist, obwohl man mittlerweile technisch und geistig soweit sein müsste, dann
brauchst du nur bei den Problemlösungsexperten suchen und du wirst Wunder erleben. 
Aber wie in jeder Schlangengrube ist hierbei äußerste Vorsicht geboten!“
 
„Aber nur wenn du daran glaubst, dass das so ist. Nicht wahr? Du sagst doch selbst, dass
alles auf dem Glauben aufbaut, oder gilt das hier nicht?“, bemerkt Henry spitzfindig mit
einem Grinsen im Gesicht. Jetzt kann er David mit seinen eigenen Waffen einen kleinen
freundschaftlichen Hieb geben. Das baut sein Ego wieder etwas auf.
„Wie? Touché. Natürlich, du hast recht. Gut aufgepasst. Der Glaube steht selbstverständlich
oben drüber. Aber wie gesagt, du weißt noch gar nicht, an was du alles glaubst. Da gibt es
viel herauszufinden“, pariert David mit anerkennender Mine.
 
    „Gut, aber das war nur nebenbei ein kleiner und kurzer Gedankenausflug in einen anderen
Gesellschaftsbereich. Lass uns jetzt wieder zu dem neuen Schulsystem zurückkommen. 
Also, wie gesagt ist es bei solchen Lösungen erst mal wichtig, was man in Zukunft mit
den alten festgefahrenen „Problemlösern“ macht. In diesem Fall sind es, wie du sagtest, die
meisten Lehrer und Bürokraten, die damit beauftragt wurden, dem Volk Wissen zu
vermitteln. Mein Vorschlag wäre es, alle in den wohlverdienten Vorruhestand zu versetzen,
sobald das andere System funktioniert. Es kann ja ein langsamer Übergang stattfinden, in
dem beide Systeme parallel laufen, wobei ich gleich voraussage, dass zu Beginn dieses
neuen Schulsystems erst mal ein Leistungsdefizit zu erkennen ist, weil sich die Schüler
grundsätzlich neu orientieren müssen, um sich selbst zu finden.
Aber unterm Strich ist die Ruhestandszahlung immer noch billiger, als im alten Trott
weiterzufahren. Und von den emeritierten Lehrern und Professoren wiederum kann man
auch in dem neuen System sehr viel lernen und bestimmt werden viele, wenn sie ohne
Druck und Einschränkungen selbständig und ohne Vorgesetzte unterrichten können, gerne
freiwillig Kurse aller Art anbieten.“
 
„Das könnte tatsächlich eine Lösung sein. Aber was mir gerade einfällt, gibt es nicht
Ansätze, so ein ähnliches System zu installieren? Was ist mit dem Waldorf-System oder der
Montessori-Schule?“
„Im Waldorfsystem herrscht genauso ein Lernzwang nur nach den strikten Regeln von
Rudolf Steiner, auch wenn der Stoff spielerischer, kindgerechter und fantasievoller vermittelt
wird. Das mag mit Sicherheit geistreicher sein, als das normale staatliche Schulsystem und
das Kind in seiner Entwicklung, zu einem wirklichen Menschen, eher fördern, als ihn zu
einem programmierten Wissenszombie heranzuzüchten. Aber das, was ich meine, geht noch
viel weiter darüber hinaus. 
Das Montessori-System dagegen versinnbildlicht von der Grundphilosophie noch am
ehesten, das, was ich meine, aber auch hier bleibt die Auswahl der zu lernenden Bereiche
zu begrenzt und auch die Art der Wissensvermittlung hat relativ feste Grenzen. Meine Vision
umfasst die Ziele beider Systeme in ihrer Vollendung.“ 
 
„Gut. Und was ist mit der Volkshochschule? Hier werden doch diese Art von Kursen
angeboten.“
„Das stimmt. Ansatzweise entspricht es dem, was ich meine, aber in diesem Stadium eines
Erwachsenen ist es schon fast zu spät. Wie soll ein Mensch, der seit seiner Kindheit
jahrelang geistigem Zwang unterworfen ist, jetzt plötzlich von sich aus Spaß am Lernen
finden. Das sind nur wenige Ausnahmen. Die meisten Enden mit der Einstellung „nie wieder
Schule und Prüfungen.“

„Vom Grundsatz her hört sich das alles ziemlich gut an und scheint eine interessante
Perspektive für die Zukunft zu sein. Das wird aber dauern, bis sich dein System oder ein
ähnliches durchsetzt. Das werden wir wahrscheinlich nicht mehr erleben.“
„Sag so was nicht. Jeder Mensch kann es von sich aus machen. Du bist dabei nicht
wirklich auf die äußere Organisation angewiesen. Such dir einen Lehrer (MA), denn als
Schüler (Weibchen) bestimmst du letztendlich den Lehrer (das Männchen). Jeder
Mensch kann ein Lehrer sein. Schau mich an, ich praktiziere dieses System für mich
schon seit vielen Jahren und wachse täglich. Ich suche mir meine Lehrer und stelle
gleichzeitig fest, dass ich selbst mein größter Lehrer bin, weil das meiste aus mir
selbst kommt, wenn ich mir bewusster zuhöre. 
Jeder entscheidet für sich in jedem Augenblick, wohin der Weg geht. 
Warte nicht auf irgendwas im Außen, bis du dich in Bewegung setzt. Mach es einfach
und du wirst feststellen, die Welt folgt dir.“ 
 
Henry nickt und grübelt einen Moment nach, wie man das Konzept von David in die Tat
umsetzen  könnte.
„Schreib das ganze doch mal auf. Wie du weißt arbeitet mein Vater in München bei der
Regierung. Vielleicht kann er ja was machen?“, schlägt er daraufhin vor.
„Ich glaube eher weniger. Ich habe nicht vor die „Welt zu verbessern“, sondern ich will
sie verstehen. Die Schöpfung ist perfekt und alles hat seine Zeit. Und wenn  ́der Apfel
reif ist, dann fällt er ganz von alleine ́.
Aber wenn du willst, kannst du die Idee gern deinem Vater weitergeben. Vielleicht kann er
sich damit profilieren und steigt eine Stufe in der Hierarchie auf. Wer weiß. Ich mache das
aber für mich ganz anders: ich erschaffe (erträume) mir einfach eine Welt, in der genau
dieses Lehr- und Lernsystem funktioniert. Der Prozess läuft von innen nach außen ab und
nicht umgekehrt.“
„Was immer du auch damit meinst. Ich glaube, das muss ich jetzt nicht verstehen. 
Aber egal, mal schauen, was sich aus diesen neuen interessanten Gedanken ergibt“,
bemerkt Henry, während er sich eine kurze Notiz auf einen Zettel macht.
 
Henry merkt wie anstrengend und intensiv dieses letzte Gespräch war. Er fühlt sich so
schlapp, wie nach einem längeren Dauerlauf, also sagt er zu David: „Das waren jetzt wieder
so viel neue Eindrücke und Gedanken, dass ich eine kleine Pause brauche. Du entschuldigst
mich einen Moment.“ 
David lächelt ihn an und nickt. 
Henry steht auf, geht zur Balkontür, öffnet sie und tritt hinaus. Er schaut sich den
wolkenlosen, glitzernden Sternenhimmel an, atmet die klare Sommernachtluft und denkt so
nach einer Weile bei sich: ,Wer behauptet eigentlich so steif und fest, dass diese
leuchtenden Punkte da oben am Himmel, große, aus Gasen bestehende Riesenkörper sind?
Woher wollen Menschen so etwas, mit so einer Sicherheit, wissen? ... Und warum stell ich
dieses Wissen plötzlich in Frage?’ Henry wundert sich über sich selbst. Warum fängt er
plötzlich an selbstverständliches offizielles Wissen zu hinterfragen? 
 ́Das scheint der Einfluss von David und diesem Buch zu sein. Irgendwie machen die
gemeinsame Sache und verabreichen mir unbewusst eine Gehirnwäsche ́, vermutet er,
 ́aber vielleicht schadet es mir auch nicht. Vielleicht hat mein Wissen und meine
Weltvorstellung ja mal eine Komplettreinigung nötig. Die neuen Impulse fühlen sich auf jeden
Fall frisch und interessant an und wenn es mir zu abgedreht wird, kann ich jederzeit gehen. ́ 
 
Henry beschließt nach ein paar Minuten gedankenverlorenes Schauen in die Weite der
schwarzen Nacht, wieder ins Wohnzimmer zurückzukehren und weiterzulesen. Schließlich
kommt sein Biorhythmus am Abend und in der Nacht erst so richtig in Schwung. In der
Schulzeit konnte er abends und nachts am besten lernen und war trotz gelegentlicher
Müdigkeitsattacken sehr aufnahmefähig.
 
„Da bist du ja wieder“, freut sich David, „ich hätte da noch ein neues politisches Konzept ...“ 
„Bitte nicht jetzt!“, unterbricht ihn Henry mit einem leicht erschreckten Gesichtsausdruck, „ich
kann nicht mehr! Nicht noch was Neues. Lass es uns ein anderes mal besprechen ...“
„War nur ein Witz! Ist schon klar. Komm, lass uns in dem Buch weitermachen“, grinst David
und setzt sich wieder auf Sofa.