Der Schoepfungsschluessel


„Also den letzten Abschnitt hab ich überhaupt nicht verstanden. Das klingt für mich wie
,Böhmische Dörfer’. Ich meine, ich kann mir schon denken, was der Autor meint, weil ja aus
der Verbindung von WP+ und MA+ immer Synergie entsteht, die Harmonie schafft. Das hab
ich ja selbst im Telefonat mit Larry mitbekommen. Aber was das wieder mit einem Träumer
und dem Traum, oder Geist und Welt, bedeutet, das übersteigt mein Fassungsvermögen.
Also ich denke mal nicht, dass der Autor die Welt so oberflächlich erklären will, dass ich alles
nur träume und die Welt, die ich sehe, nichts weiter als eine Art Traum ist“, beschwert sich
Henry und legt das Buch zur Seite. 
 
David grinst in sich hinein und zuckt nur mit den Achseln. ,Wenn ich ihm jetzt sage, dass
genau dieses Bild, die Welt, in der er zu leben glaubt, am besten beschreibt, dann würde ich
die Toleranz von Henry wahrscheinlich überstrapazieren. Also belassen wir es vorerst mal
dabei, vielleicht ergibt sich ja eine andere Gelegenheit, etwas ausführlicher darüber zu
reden ́, denkt sich David im Stillen und fragt, um wieder ein anderes Thema anzuschneiden:
„Ist sonst alles klar? Ich meine, da steckt viel drin und es ist mehr als verständlich, wenn du
nicht zu allem ja und amen sagst! Außerdem klingt es auf den ersten Blick etwas
komplizierter, als es meiner Meinung nach in Wirklichkeit ist.“
 
„Ja, natürlich. Da war eine ganze Menge, was ich nicht so ganz nachvollziehen konnte. Zum
Beispiel: Was meint der Autor damit, wenn er sagt,  ́ich soll mir bei allem, was mir begegnet
immer denken „Gott hat es mir geschickt“, um es leichter annehmen zu können?’ Egal ob
Krankheit, Unfall, Unglück, Tod usw.? Will der Autor sagen, dass alles was ist, Gott gewollt
ist? Das kann doch nicht sein ernst sein!“, beschwert sich Henry mit einem ungläubigen Ton
in der Stimme.
„O.k. ich sehe schon, du willst es genau wissen“, seufzt David und überlegt, wie er es am
besten erklären könnte: „Fangen wir etwas weiter vorne an. Glaubst du an GOTT, Henry?“
„Ja, äh ... eigentlich schon. Aber so genau hab ich mir da noch keine Gedanken gemacht.
Ich hab den ganzen Tag so viel zu tun, da bleibt nicht viel Zeit und Muse übrig, um darüber
nachzudenken!“, hört sich Henry antworten und bemerkt gleichzeitig wie erbärmlich diese
Ausrede ist.
„So, so. Wenigstens ist deine Antwort ehrlich. Und wie stellst du dir dann das bisschen von
,Gott’ vor, an das du glaubst?“
„Na ja, wie gesagt, ich hab mir noch wenig Gedanken dazu gemacht. Als alten Mann mit
Rauschebart, der über den Wolken sitzt, jedenfalls nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich fand die
Erklärung in dem Abschnitt „aus dem Nähkästchen Gottes“ nicht schlecht. Darüber müsste
ich in Ruhe mal nachdenken.“
„Gut, sagen wir, du weißt es nicht. Dadurch wird alles, was mit „GOTT“ in Zusammenhang
steht, zu einer unbekannten Größe.“
„Ja, genauso fühlt es sich irgendwie an“, stimmt Henry zu.
„Gut, dann sind wir ja einer Meinung. Willst du jetzt die lange oder die kurze Antwort, auf die
Frage nach GOTT, haben?“, lässt  ihn David die Wahl.
„Fang doch mal mit der Kurzen an, vielleicht langt das schon aus.“
„Hab ich mir gedacht. Also, mein Vorschlag ist, dass du alle Meinungen und Standpunkte in
bezug auf GOTT, neutral stehen lässt. Du weißt ja nicht, was GOTT ist und was er nicht ist.
Ob er ein „er“ ist, oder ein  „du“, oder ein „ich“, oder eine Naturkonstante, oder unpersönlich,
oder sonst wie. Lass alle Aussagen über GOTT erst mal stehen und leg dich nicht auf eine
bestimmte Sichtweise fest, z.B. wenn GOTT „lieb“  ist, dann kann er ja nicht „bös“ sein, oder
wenn Gott ,oben im Himmel’ ist dann kann er ja nicht gleichzeitig ,unten auf der Erde’ sein..
Hör dir soviel Sichtweisen und Standpunkte wie möglich an, aber bleib bei keiner kleben.“
„Das sagt sich so leicht. Jetzt wo du anfängst zu erzählen, merke ich, dass ich schon eine
Vorstellung von Gott habe, aber die müsste ich erst bei mir konkretisieren“, gibt Henry zu.
„Auch gut, dann fang mit deinem Standpunkt über GOTT an. Nimm ihn zur Kenntnis und lass
ihn einfach erst mal stehen. Ich sag dir meinen auch noch, dann hast du schon mal zwei:
GOTT ist alles! GOTT ist die Synthese aus allen Sichtweisen der Menschen
gleichzeitig und noch viel mehr. Und GOTT ist nicht Gott, sondern mehr, als jedes
Wort und jede Vorstellung von GOTT. Über „GOTT“ zu diskutieren erübrigt sich daher
völlig“, erklärt David seinen Standpunkt über GOTT und ergänzt noch: „Und wie der Autor
über GOTT denkt, das kannst du in das Geschriebene hineininterpretieren wie du magst. Es
steht dir frei.“
„O.K. Das langt erst mal. Dein Rat klingt vernünftig. Vielleicht gelingt es mir, ihn bei der
nächsten Gelegenheit zu beherzigen. Die lange Antwort kannst du mir ja später erzählen,
falls es sich noch mal ergibt“, bedankt sich Henry und fühlt sich schon um einiges
entspannter.
 
„Und was ist damit gemeint, der Mensch ist der Sohn Gottes?“, lautet die nächste Frage von
Henry.
„Jeder ist ein Gotteskind. Aber auch hier bist du, genau wie bei ,GOTT’, wieder mit deiner
einseitigen Vorstellung im Konflikt, was du dir konkret unter „Gottes Sohn“ verstehen sollst,
nicht wahr?“
„Stimmt. Ich habe dazu kein richtiges Bild und deshalb sagt mir das nichts. Ich kann es nicht
greifen und deswegen lehne ich es eher ab, als dass ich in mir die Toleranz aufbringe, es
einfach stehen zu lassen“, gibt Henry sich selbst die Antwort. 
„Sehr richtig, du lernst wirklich schnell. Genauso ist es. Daher rate ich dir: lass es einfach
mal stehen, auch wenn es dich stört. Vielleicht erfährst du ja später noch etwas mehr
darüber.“
 
David greift zum Rotweinglas und trinkt einen Schluck, während Henry die kurze Pause nutzt
und ein leichtes Gähnen verdrückt. Die vielen neuen Gedanken und Ideen muss er erst mal
verarbeiten und daher signalisiert sein Gehirn Ruhe und Schlaf.
Aber Henry hat nicht vor, jetzt schon ins Bett zu gehen, stattdessen fragt er weiter: 
 
„Was meint der Autor denn eigentlich mit „sich selbst beobachten“?
„Das ist die wichtigste Übung für den Menschen, der aus seinem Schlaf erwachen will. Es
hilft Schritt für Schritt aus seiner Persönlichkeit herauszuwachsen und Selbstbewusstsein zu
bekommen. Durch das wertfreie Beobachten seiner Mechanismen, Muster und
Gewohnheiten wird er sich selbst bewusst.“
 
„Und wie funktioniert das?“
„Schließ die Augen und versuche wertfrei deine Gedanken und die Gefühle, die sie
hervorrufen, zu beobachten“, ist die einfache Antwort von David. „Probier es zwei Minuten
lang aus. Hier in der Stille ist es einfach und du wirst wissen, was ich meine“, fordert er
Henry auf. 
Dieser schließt die Augen und es herrschen zwei Minuten Stille.
 
 
Henry beobachtet den Strom seiner Gedanken, er hört den Fernseher vom Nachbarn ganz
leise, dann hört er sich stumm denken, ,was schaut der wohl noch so spät fernsehen? Muss
er morgen nicht auf die Arbeit? Oder ist er arbeitslos? Was zahlt der wohl Miete? Kann man
sich das von einem Arbeitslosengeld leisten? Nein, glaub ich nicht ... ach ja apropos zahlen,
meine Freundin, das wird mich wieder einiges kosten, die ist wieder mal beleidigt, wegen
nichts. Wie lange das noch geht? Dabei sind wir gerade erst ein paar Monate zusammen. ...
Was juckt denn da unter meinem Kinn ... hab ich wieder diesen Ausschlag, nein, das war
bloß der Hemdkragen, der mich berührte. Schön, warum sind denn meine Augen
geschlossen, ach ja, ich beobachte gerade meine Gedanken. Woher kommen eigentlich die
ganzen Gedanken ....’
„O.K. Henry, aufwachen, das langt.“  
 
„Ist das alles? Und das soll so schwer und wichtig für meine Entwicklung sein?“
„Ja! Absolut! Es ist wie ,Go’ spielen“, vergleicht David.
„Was ist Go?“
“Es ist ein chinesisches Brettspiel mit weißen und schwarzen Steinen, die abwechseln auf
ein 19 x 19 Felder großes Spielbrett gelegt werden. Es heißt die Regeln kann man in fünf
Minuten erklären, aber um es richtig spielen zu können, braucht es viele Jahre.“
Henry weiß immer noch nicht, was David genau damit sagen will, also wird er konkreter: 
„Im Alltag, mit geöffneten Augen, wirst du mit so vielen Informationen konfrontiert,
dass du kaum Chancen hast, dir über dein Denken und Handeln bewusst zu bleiben.
Du funktionierst den Tag über nach deinem Programm und kriegst es nicht mit. Glaub
mir, so leicht ist es nicht, wie es sich anhört.“
„Gibt es eine Hilfe, um im Alltag wacher zu bleiben?“, fragt Henry weiter, weil er ahnt, was
David mein. In seinem stressigen Bänkeralltag hat er kaum Zeit für die Mittagspause,
geschweige denn, sich selbst zu beobachten.
 
„Du kannst es immer mehr trainieren. Am Anfang ist es noch ziemlich schwer, aber es ist wie
mit allem, je häufiger du es übst, desto besser klappt es mit der Zeit. 
Der Schöpfungsschlüssel und vor allem die vier Felder der Persönlichkeitsebene sind
eine sehr gute Hilfe, um sich selbst zu beobachten. Darum gefällt mir das Buch auch
so gut. Mit Hilfe der Schablone kannst du leichter deine Muster erkennen und deine
Feindbilder durchschauen. Du kannst erfühlen, auf welchem Feld du dich, symbolisch
gesehen, befindest und wie du wechseln kannst. Es hilft dir, dich selbst besser
kennen zulernen, oder anders gesagt: es hilft dir deine Persönlichkeit mit ihrer
Programmierung besser zu durchschauen.“
„O.k. Ich bemühe mich zu verstehen, was du sagst. Es ist, als wenn ich dadurch ein
Bewusstsein über meinem Alltagsbewusstsein in mir entwickeln würde.“
„Genau, das sogenannte höhere Bewusstsein, das sich seinem Charakterprogramm
bewusst ist. Du bist echt ein schlauer Fuchs. Wie konnte dein Geist nur all die Jahre sinnlos
hinter einem Schreibtisch in einer Bank vor sich hinvegetieren. Das war ja reine
Verschwendung“, lobt David die Schlussfolgerung von Henry.
Henry fühlt sich geschmeichelt und merkt wie in ihm die Lebensgeister zurückkehren und die
gerade aufkommende Müdigkeit sich auflöst.
 
„Das wertfreie Beobachten ist die Tür, die dich in dein wirkliches SELBST führt!
Aber lass uns Schritt für Schritt gehen. Konzentriere dich am besten auf das
Beobachten ohne etwas Verändern zu wollen, wertfrei und neutral solltest du sein.
Deine Gedanken und Gefühle zählen für dich auf dieser Ebene alle gleich. Keiner wird
bevorzugt oder benachteiligt. Es herrscht eine absolute Gleichberechtigung, oder
auch Gleichgültigkeit, ganz wie du es sehen möchtest“, fährt David weiter fort.
„Ja, gut. Ich hoffe ich erinnere mich daran. Weil ich gerade merke, dass ich keinen direkten
Einfluss auf meine Gedanken habe. Ich weiß nicht, was ich in der nächsten Minute denken
werde. Es sprudelt so aus mir heraus. Ich kann dies, wenn überhaupt, scheinbar nur indirekt
kontrollieren.“ 
In Henry ́s Stimme paart sich erfreute Selbsterkenntnis mit einer Prise Angst.
„Gut erkannt! Du machst schnelle Fortschritte! Das muss wohl an deinem guten Lehrer
liegen“, feixt David mit geschwellter Brust und schaut Henry erwartungsvoll an.
„Ja, das kann durchaus sein. Der Autor des Buches bringt das gut rüber“, grinst Henry
zurück, weil er weiß, dass David ein Kompliment erwartet, aber er korrigiert sich schnell
wieder, „nein, nein. War nur Spaß. Ohne dich, David, hätte ich wahrscheinlich nur die Hälfte
verstanden. Du kannst es wirklich gut erklären und hast die Geduld und Ruhe, mir das alles
näher zu bringen. Danke schon mal.“
„Schön, dann kann ich heute ja beruhigt einschlafen. Jeden Tag eine gute Tat, wie wir
Pfadfinder sagen. Als Männchen auf MA+, das erklärt, will man schließlich auch seine
wohlverdiente Anerkennung bekommen“, scherzt David mit einem zwinkernden Auge, dann
schaut er auf die Uhr und sagt: „Lass uns mal weitermachen. Ich würde vorschlagen, wenn
du willst, kannst du bei mir auf dem Sofa schlafen und was wir heute nicht mehr schaffen,
gehen wir morgen durch. Was meinst du dazu?“
„Dein Angebot klingt gut. Es ist für mich zwar völlig untypisch, einfach irgendwo zu
übernachten, ohne dass ich meine Sachen dabei habe, aber warum nicht mal was
unlogisches tun.“
„Genau! So bekommst du neue Bilder eingespielt. Du kannst ein T-Shirt und eine Short
haben wenn du willst und eine Gästezahnbürste hab ich auch noch.“
„Benutzen alle deine Gäste diese Zahnbürste?“, feixt Henry schelmisch.
„Aber natürlich! Deswegen heißt sie ja auch Gäste-Zahnbürste, weil, sie von den Gästen
benutzt wird und nicht von mir! Ich hab meine eigene“, antwortet David mit einem
überernsten Gesichtsausdruck.
„Gut, dann bin ich ja beruhigt und kann weiterlesen.“