Der Schoepfungsschluessel


„Guten Morgen! Und hast du gut geschlafen?“, trällert David aus dem Flur, nachdem er an
die Wohnzimmertür kurz geklopft und sie danach einen Spalt offengelassen hat.  
„Ja, danke, den Umständen entsprechend ging es schon.“ 
Henry ist schon wach gewesen, als David die Tür öffnet und merkt beim Aufstehen, dass die
Couch doch ihre Spuren hinterlassen hat. Es ist kein Vergleich zu seinem exklusiven
Wasserbett gewesen, das seinen Rücken jede Nacht verwöhnt.
„Was heißt denn den Umständen entsprechend?“
„Na ja, so wie man sich nach einer Gehirnwäsche und einer kurzen Nacht auf einem fremden
Sofa eben so fühlt!“
„Das hattest du schon lange mal nötig“, ertönt es aus der Küche zurück.
„Eine Nacht bei dir auf deiner Couch?“
„Nein, eine Gehirnwäsche. So wie es in den letzten 30 Jahren dort gemodert hat.“
„Vielen Dank für die Blumen. Die Reinigungskosten kannst du mir später per Post schicken.“ 
 
Henry räkelt sich und dehnt sich langsam zum Fenster hin, öffnet die Jalousien und
betrachtet den sonnigen Morgen. 
,Das ist ein guter Tag’, denkt er sich und wendet seine Aufmerksamkeit in Richtung Küche.
„Kann ich einen Kaffee mit Milch haben! Was zu essen brauche ich morgens normalerweise
nicht. Ich esse meist erst am Mittag.“
„Ja, bin schon bei der Arbeit“, bestätigt David aus der Küche.
 
Nachdem Henry bereits fertig gekleidet aus dem Bad kommt, sieht er, dass David den
Wohnzimmertisch schon mit Kaffee, Milch und Kuchen gedeckt hat. 
Beide setzen sich und fangen an, sich wieder etwas näher zu kommen.
„Schmeckt gut der Kuchen. Den hast du aber nicht selbst gebacken, oder?“, fragt Henry
schmatzend.
„Nein, meine Freundin hat ihn vorgestern mitgebracht.“
„Du hast eine Freundin? Wie hält sie es denn mit dir aus?“
„Ist das deine Art dich bei mir für die Nachhilfe und die Übernachtung zu bedanken?“, grinst
David, weil er schon weiß, wie Henry es gemeint hat.
„Nein, du weißt schon. Mit einem Partner, der sich so intensiv mit den Lebensfragen
auseinandersetzt, kommt bestimmt nicht jeder aus“, verbessert sich Henry.
„Ja, im Prinzip hast du schon recht. Aber sie ist auch eine Sucherin. Sie wohnt in Konstanz,
ist Zahnarzthelferin und heißt Johanna. Wir haben uns auf einer Backpacktour in Australien
vor zwei Jahren kennengelernt.“
David zeigt auf ein Photo, dass neben einer Lampe auf einem kleinen Beistelltisch steht, und
eine hübsche, schlanke und sportliche Frau Mitte dreißig mit braun-blonden Haaren zeigt.
„So, so. Na dann haben sich ja zwei gefunden. Auf alle Fälle kann sie schon mal gut
backen“, resümiert Henry mit halb vollem Mund.
 
Als er zur Kaffeetasse greifen will, ertönt plötzlich wieder die Melodie von Beethoven aus
seiner Hosentasche. 
Henry greif in die Tasche, zieht sein Handy heraus und sagt:
„Entschuldige bitte David, aber das ist wahrscheinlich Edgar, mein Kollege aus der Bank, der
mir den Job vermittelt hat. Immerhin haben wir es schon 9.25 und um spätestens 9.00 Uhr ist
Arbeitsbeginn ...“ 
Er klappt sein Handy auf und antwortet: 
„Hi, Edgar, was gibt`s?“
„Was es gibt, fragst du? Wo bist du? Hattest du einen Unfall, bist du verletzt oder krank?
Warum bist du noch nicht hier?“, ertönt eine aufgeregte Stimme aus dem Telefon.
„So viele Fragen auf einmal und das am Morgen. Aber ich kann dich beruhigen, mir geht es
gut, oder sagen wir den Umständen entsprechend gut. Ich bin bei einem Freund in St.
Gallen.“   „Bei einem Freund in St. Gallen??? Wie auch immer. Schwing dich in deinen 500ter und
beam dich her. Ich erwarte dich in einer Stunde. Solange kann ich die Jungs noch hinhalten.“
„Sorry, das wird jetzt nicht gehen. Du musst mich heute entschuldigen. Ich hab hier
Wichtigeres zu tun.“ 
„WICHTIGERES? Bist du betrunken? Hast du was getrunken, Henry?“ 
„Nein, Edgar. Ich bin völlig nüchtern und stehe auch nicht unter Drogen.“
„Wir haben heute eine Vorstandssitzung, bei der ich dich vorstellen wollte und am
Nachmittag kommen zwei Großkunden, die du kennenlernen musst. Außerdem hast du drei
neue Klienten von Sandra bekommen. Das weißt du aber auch alles. Es stand in deinem
Memo. Also, was ist los?“
„Es geht heute nicht. Ich kann hier nicht weg.“
„Wieso? Was machst du denn so wichtiges? Ist jemand gestorben?“
„Nein. Aber wenn ich es dir sage, glaubst du es ja doch nicht!“
„Versuch es! Klär mich auf, wenn ich dir schon den Rücken freihalten muss.“
 
Henry weiß, dass Edgar nichts von Geistigkeit, Religion, Spiritualität, oder Gott hält. Er
bezeichnet sich selbst, als einen  ́knallharten Realisten, der sich nicht in den Netzen der
Gurus und Religionen dieser Welt verheddert, wie die armen Spinner, die ihr Halleluja oder
ihr Om jeden Tag schreien. Er vertraut hauptsächlich auf Geld, schöne Frauen und Autos.
,Da hat man was in der Hand ́, wie Edgar immer süffisant formuliert.
,Aber wenn er es unbedingt wissen will, ...’, denkt sich Henry.
 
„Ich arbeite mit einem Freund ein Buch durch.“
„Was denn für ein Buch. Kenn ich es? Über welchen Finanzbereich handelt es?“
„Es hat nicht direkt mit unserem Job zu tun. Es handelt vom Leben. Besser, wie es
funktioniert und strukturiert ist. Es ist schwer, das in ein paar Sätzen zu beschreiben...“
„Einen Lebensratgeber? Du willst mich verarschen! Bist du bei einer Frau? Steckt hinter dem
Ganzen eine Frau und du kannst vielleicht jetzt nicht reden, weil sie in der Nähe ist und
keiner von eurer Beziehung etwas wissen darf?“, unterbricht Edgar Henry’s Versuch, ihm
seine Situation zu erklären.
 ́Es ist hoffnungslos, Edgar das zu erklären ́, denkt Henry, deshalb ändert er seine Taktik.
„Ja, genau so ist es! Du hast recht Edgar.“, gibt er jetzt scheinbar zu.
„O.K. Kumpel. Ich hab verstanden. Wir Verbindungsbrüder halten zusammen. Ich decke dir
den Rücken hier und du meldest dich, sobald du wieder in Zürich bist. Die Termine können
wir auch anderweitig nachholen. Halt dich ran Kumpel und viel Spaß!“
„Danke Edgar. Ich melde mich bei dir!“
Henry klappt das Handy wieder zu und steckt es, ohne weiteren Kommentar, zurück in seine
Hosentasche. In Gedanken geht ihm der Satz im Kopf herum: 
,Jeder hat wohl seine eigene Logik, und wenn er sie nicht verlassen will, dann musst du dich
versuchen in seine Logik zu begeben, falls du reibungslos kommunizieren willst! Selbst auf
die Gefahr hin, dass es sehr eng wird.’ 
 
„Ich wusste nicht, dass du heute arbeiten musstest“, reagiert David ganz überrascht.
„Ich schon! Aber ich dachte mir, warum nicht mal was unlogisches tun. Außerdem sagt mir
mein Gefühl, dass das hier viel wichtiger für mich ist, als meine Anwesenheit im Büro.“
„Gut. Sehr gut. Dann lass uns langsam wieder dort weitermachen, wo wir gestern Nacht
aufgehört haben. Wir haben schließlich noch den zweiten Teil des „Äußeren Netzes“ zu
besprechen, die sogenannte Neutralitätsebene!“, sagt David erfreut, fixiert Henry mit seinen
Augen und lobt ihn: „Respekt! In dir steckt ja ein richtiger Sucher!“
 
Das lässt sich Henry nicht zweimal sagen. Er holt das Buch wieder hervor, schlägt die
markierte Seite auf und beide lesen weiter.