Der Schoepfungsschluessel


„Ich glaube, ich bin noch nicht ganz wach. Ich hab gerade gar nichts kapiert, von dem was
ich auf der letzten Seite gelesen hab. Scheint plötzlich ein anderes Buch zu sein, oder fehlt
mir einfach ein Glas Rotwein. Ich weiß es nicht. Kannst du es mir so übersetzen, dass ich es
verstehen kann, David?“, beklagt sich Henry etwas ärgerlich. Nur weiß er nicht, wem er die
Schuld dafür geben soll, seinem mangelhaften Wissen oder dem Autor. Henry schüttelt den
Kopf und reibt sich die Augen.

„Ich kann es nachvollziehen, dass du damit Probleme hast. Ich finde es auch nicht gerade
feinfühlig vom Autor den 2.Teil mit so einem hohen Tempo anzufangen, aber es ist wie es
ist. Er entschuldigt sich ja auch dafür und bittet um Geduld.“
 
David überlegt einen Moment, dann sagt er: „O.k. Ich versuch es dir so zu erklären, dass du
es besser nachvollziehen kannst, aber ohne ein Opfer von dir wird es mir nicht möglich sein.“
„Was denn für ein Opfer??? Willst du mich in einen Vulkan werfen, um die Götter zu
besänftigen???“, scherzt Henry.
„Nein, aber du musst etwas stehen lassen können, was deine Logik vorerst als absolut
schwachsinnig aburteilen wird.“
„Du meinst ich soll tolerant sein? Aber das hab ich doch schon bewiesen, oder? Welcher
Bänker hätte das wohl alles mitgemacht?“
„Genau deswegen, denke ich, kann ich hier einen Schritt weiter gehen. 
Von was hast du heute Nacht geträumt, Henry?“
„Lass mich überlegen ... irgendwas von meinem alten Büro in New York. Ich glaube wir
waren in einer Sitzung und ich musste etwas vortragen, ... irgend so etwas. Warum? Willst
du eine Traumanalyse machen?“, fängt Henry an zu sticheln.
 
David nimmt seine Tasse in die Hand, hält sie in Henrys Blickhöhe und erklärt: „Stell dir vor,
du träumst jetzt die Tasse aus ...“
„Jetzt fängt dieser Schwachsinn an. Ich träume doch nicht, ich bin wach. David, was soll
denn das jetzt?“, unterbricht ihn Henry mit einem leicht genervten Unterton.
„Mein lieber Henry! Du hast doch gar keine Ahnung. Du glaubst dich allenfalls wach, aber in
Wirklichkeit kannst du es nicht wissen“, antwortet David auf eine sehr autoritäre Weise, die
bewirkt, dass sich Henry mit polemischen Sprüchen zurückhält und aufmerksamer wird.
„Von was genau hast du heute Nacht geträumt?“, beginnt David seine Erklärung erneut.
„Von ehemaligen Kollegen, Gegenständen, unserem Besprechungszimmer meiner
Sekretärin, Tischen, Stühlen, dem Vortragsprojektor usw., worauf willst du hinaus?“
„Kennst du den Zustand, wenn du träumst und du aber nicht weißt, dass du träumst?“
„Ja, klar. Solche Träume habe ich meistens. Es kommt mir vor als wären sie real. Aber
manchmal hab ich den Eindruck, als wüsste ich, dass es nur ein Traum ist.“
„Richtig, geht mir übrigens genauso. Kannst du entscheiden, was du nachts träumen wirst?
Hast du dir gestern abend den Traum rausgesucht?“
„Nein, dazu war ich zu müde. Und nein, ich kann es auch sonst nicht. Aber vielleicht gibt es
Menschen die das können.“
„Kann sein, aber bleiben wir bei dir. Gibt es Struktur und Ordnung in deinen Träumen, oder
herrscht unüberblickbares Chaos?“
„Ich weiß nicht genau worauf du hinaus willst, aber meine Träume sind mehr oder weniger
geordnet. Ich bewege mich, die Gegenstände haben Gewicht und fallen nach unten. Ich
kann alles wahrnehmen. Es wirkt eigentlich ganz normal.“
„Schön, dass du so ein guter Beobachter bist. Dann fass ich es noch mal für dich
zusammen: Du erschaffst in dir Menschen, Gegenstände, Räume und ein mehr oder
weniger geordnetes und strukturiertes Handlungsgeschehen. Es herrschen ganz
normale physikalische Gesetze wie die Schwerkraft und die Gesetze in der Akustik
oder der Optik, denn sonst könntest du weder etwas fühlen, sehen noch hören.
Gleichzeitig vergisst du, dass du träumst und denkst alles ist getrennt von dir und in
einer Welt außerhalb. Soweit einverstanden?“
„Äh ... ja. Aber ...“
„Lass es erst mal mit dem ,aber’ und hör lieber weiter zu: Es steckt also irgendwas in dir,
was dir eine relativ geordnete Welt vorgibt. Irgendwie bist du es selbst und bist es
nicht, beides gleichzeitig.“
„Wenn du es so sehen willst. Ja, o.k.“, bestätigt Henry.
„Schön, dass wir wieder einer Meinung sind“, lächelt David und weiß gleichzeitig, dass Henry
innerlich mit dem Gedanken an eine Welt als Traum noch gigantische Probleme hat.
David nimmt wieder die Tasse Kaffe in die Hand und sagt: 
 
„Und jetzt frag ich dich noch mal: woher willst du dir so felsenfest sicher sein, dass du diese
Tasse, diesen Raum und mich selbst nicht in diesem Moment austräumst?“
Henry schweigt und überlegt: „Ich kann nur sagen, dass ich nicht glaube, dass ich jetzt
träume, aber 100%ig sicher wissen kann ich es nicht.“
„Richtig. Du glaubst es nur. Nicht mehr und nicht weniger. Menschen glauben viel, wenn der
Tag lang ist: manche glauben an Außerirdische, an Engel, an Atome oder Moleküle, an den
Weihnachtsmann oder eben daran, dass sie nicht träumen.“
„... oder eben daran, dass sie träumen“, kontert Henry spitzfindig.
 
David bemerkt in Henry noch Widerstand (WP-) bezüglich der Traumvorstellung, was ja auch
verständlich ist, so dass er ein diplomatisches Angebot macht: 
„Ich will ja gar nicht, dass du einfach so glaubst, die Welt sei so etwas wie ein Traum. Ich
wollte dir nur zeigen, dass deine Vorstellung an eine getrennte Realität auch nur ein Glaube
ist.
Die Welt ist mit Sicherheit etwas anderes, als das, was du dir unter einem Traum oder
einer Computersimulation vorstellst, aber sie sind die bestmöglichen
Umschreibungen für diese Welt aus einer höheren Sichtweise. Damit du etwas
verstehen kannst, muss du es mittels einer Verkleinerung, z.B. eines Gleichnisses, in
deine Logik hineinpressen, wobei du dir immer bewusst sein solltest: die Metapher ist
nicht die Wirklichkeit. Sie kann dir aber helfen die festen und so sicher geglaubten
Grenzen deiner eigenen Logik zu öffnen, um dich selbst letztendlich zu erweitern.“
„O.k. Was immer die Welt auch ist, lassen wir mal alles offen. Mir fällt jetzt kein stichhaltiges
Gegenargument ein. Aber was hat das jetzt mit der Neutralitätsebene in dem Buch zu tun?“,
zeigt sich Henry offen.
„Dazu komme ich gleich. Vorher musst du noch die Frage beantworten: Welche Kraft in dir
erzeugt deine Träume und aus was besteht sie?“
„Du fragst Sachen ... keine Ahnung. Da hab ich mir noch überhaupt keine Gedanken
gemacht. Ich weiß es nicht!“
„Das macht überhaupt nichts. Da bist du nicht der Einzige! Ich gebe dir ein paar Wörter zur
Auswahl: dein geistiges Licht, deine Schöpferkraft, Klang, Zahlen, Melodie, das Wort. Was
hältst du davon?“
„Und was ist mit meinem ,Gehirn’?“
„Ach ja, das hab ich schon fast vergessen. Die ,Gehirn’-Metapher für diese höhere
Schöpferkraft zu verwenden, ist ein wissenschaftlicher Trick, um die unvorstellbare Synthese
zu umgehen und weiterhin in der polare Vorstellungswelt denken zu können. Weil in der
normalen oberflächlichen Wissenschaft ja nur das zählt, was sich messen und berechnen
lässt. Und über keinen der beiden Wege kann die Synthese dingfest gemacht werden. Also
hört das Denken in der Wissenschaft grundsätzlich beim Gehirn auf.“
 
„Schon möglich. Wobei ich mir unter all den Begriffen, die du gerade erwähnt hast, auch
nichts vorstellen kann“, sagt Henry mit etwas Trotz in der Stimme.
„Natürlich. Das ist doch klar!“
„Wieso?“
„Weil das, was die Form erschafft, nicht selbst Form sein kann. Sie steht über ihr!
Genauso wie ein Maler und sein Pinsel nicht das Kunstwerk, das sie erschaffen, sein
können. Vereinfacht gesagt, ist die Form die Polarität und die Kraft, aus der die Form
hervorgeht ist die Synthese. Und das du dir nur eine polare Form (Information) vorstellen
und erkennen kannst, ist doch für dich klar? Erinnere dich daran, dass du die Polarität
,rechts’ und ,links’ immer auf dem Hintergrund des anderen wahrnehmen kannst, aber nie
die Synthese aus ,RECHTSUNDLINKS’ gleichzeitig erkennen kannst.“
„Ja, schon irgendwie. Du hast es ja schon öfters erwähnt. Aber mein absolutes ,Ja’ zu dem
Ganzen bekommst du noch nicht“, willigt Henry kritisch ein.
„Nur Geduld, das ist auch vorerst gar nicht nötig. Es langt, wenn du offen bleibst und es für
möglich hältst.“
David nimmt einen Schluck aus der Tasse und stellt sie dann wieder auf den
Wohnzimmertisch ab.
„All die Wörter „geistiges Licht, Klang, Wort, Zahl, Schöpferkraft, usw.“ sind
symbolische Begriffe für diese höhere Synthese, aus der die polaren Formen
hervorgehen. Deshalb kannst du dir darunter auch nur sehr abstrakt etwas vorstellen.
Aber diese Kräfte sind und wirken offensichtlich in dir!“ 
 
Henry beginnt leicht zu nicken und hört weiterhin aufmerksam zu.
„Auf der Neutralitätsebene findet dieser besagte Schöpfungsstrom statt. Das Männlich
Passive Feld (MP) symbolisiert mehr die Synthese, daher wirst du auch Probleme haben,
dir das Feld konkret vorzustellen, während das Weiblich-Aktive Feld (WA) die polare
Formenvielfalt versinnbildlicht. So weit, so gut.
Wenn du jetzt die Seite ab dem Bibelzitat noch mal liest, hoffe ich, wirst du mehr verstehen.“
 
Henry schlägt eine Seite zurück und liest sich den Abschnitt erneut durch.
 
Am Ende kommentiert er nur:
„David, ich finde du hättest das Buch schreiben sollen. Du bringst es wesentlich
verständlicher rüber, als der Autor.“ 
„Findest du? Wenn du wüsstest, vom wem ich meine Gedanken und Worte bekomme. Aber
dazu vielleicht später etwas mehr“, grinst David und zeigt mit einer Geste auf das Buch, um
Henry aufzufordern, weiter zu machen.