„Kommst du mit den Feldbeschreibungen klar?“, fragt David sicherheitshalber nach, weil er
schon befürchtet, dass Henry etwas den Überblick verloren hat.
„Ja, was willst du von mir hören. Ehrlich gesagt, im groben glaube ich schon zu verstehen,
was der Autor meint, aber die Art und Weise der Vermittlung wirkt für mich etwas zu
esoterisch und abgedreht. Die ganzen Formulierungen sind relativ abgehakt und werden
wieder, so nach dem Motto ,friss oder stirb’, vorgesetzt. Er scheint nicht viel Spielraum dabei
zu lassen.
Außerdem gibt es natürlich eine Menge, was ich nicht verstehe, aber das liegt wohl auch
daran, weil mich diese Wissensgebiete wie Astrologie, Esoterik, Hebräisch, I Ging, oder was
auch immer, bisher nicht sonderlich interessiert haben. Insgesamt kommt es mir vor, als
hätte der Autor im 2.Teil des Buches vom zweiten Gang in den vierten oder fünften Gang
geschalten und dabei den Dritten ignoriert. Ich muss mich schon anstrengen, das ich noch
mitkomme und die Lust nicht verliere.“
„Ich kann dich schon verstehen. Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Autor sich einer
höheren Symbolsprache bedient, um Zusammenhänge zu erklären, die eigentlich über
einem normalen Alltagsverständnis liegen. Aber ich denke so viele Punkte und Erklärungen,
wie sie der Autor hier gibt, benötigst du erst mal nicht unbedingt, um die wesentliche
Bedeutung der Felder nachzuvollziehen.
Übrigens, um die Welt im Prinzip grob zu verstehen, oder um glücklich zu sein, musst du
dich nicht zwangsläufig mit esoterischem Wissen beschäftigen, aber es kann für deine
Selbsterkenntnis sehr hilfreich sein.“
„Möglich, aber da kann ich leider (noch) nicht mitreden. Möchtest du mir vielleicht noch mal
deine Zusammenfassung dieser Neutralitätsebene geben, David?“, fragt Henry mit einem
bittenden Blick.
„Möchtest du sie dir nicht selbst geben?“, kontert dieser mit einem herausfordernden
Gesichtsausdruck. „Du weißt doch, Henry, in dir steckt viel mehr als du glaubst. In dem
Moment, wo du dir die Sachen selbst erklärst, bekommst du zusätzliche Informationen
aus dir selbst.“
„O.k. Wenn du meinst. Ich kann es versuchen“, willigt dieser ein.
Henry überlegt einen Augenblick, dann legt er los:
„Also ... die Neutralitätsebene besteht aus vier Feldern, von denen je zwei Felder dem
höheren Beobachter im Menschen gewidmet sind und je zwei Felder dem, was er
beobachten kann, entsprechen.
Die beiden Beobachterfelder, auch Männlich-Passiv genannt, werden einmal in den
schlafenden Beobachter (MP-) und den wachen Beobachter (MP+) eingeteilt. Dabei ist sich
der schlafende Beobachter den Mustern und der Programmierung seiner Persönlichkeit nicht
bewusst, während der wache Beobachter sich seiner Mechanismen und Muster bewusst ist
und sie neutral beobachtet.“
„Soweit richtig. Und wo würdest du dich selbst einordnen?“, fragt David etwas provozierend
nach.
„Wahrscheinlich mehr beim schlafenden Beobachter ... nein, eigentlich nur in das schlafende
Beobachterfeld (MP-), weil ich mir meiner Gedankenabläufe und Muster kaum wirklich
bewusst bin.“
„Das stimmt nicht ganz. Denn in dem Moment, wo du dir deiner Unbewusstheit neutral
bewusst wirst, stehst du schon mit einem Bein im wachen Beobachterfeld (MP+).
Vorausgesetzt du machst dir daraus keinen Vorwurf, das wäre dann nur der wertende
Beobachter, und der ist mit dem Schlafenden vergleichbar“, ergänzt David.
„O.k. Dann fang ich langsam an in den höheren erwachten Beobachter (MP+)
hineinzuwachsen. Das klingt auch nicht schlecht“, sagt Henry erfreut.
„Aber Vorsicht! Ein erwachter Beobachter (MP+) hat keine Ego-Identifikation mehr! Er
will nicht sein Ego in ein Superego verwandeln.“
„Heißt das, wenn ich mich freue, dass ich bewusster werde, ist das nur Ego und ich bin nicht
mehr auf dem neutralen, erwachten Beobachterfeld (MP+), sondern auf dem schlafenden
wertenden Feld (MP-)?“
„Absolut richtig! Der erwachte Beobachter hat kein Verlangen mehr sein Ego
aufzupolieren. Ihn freut es nicht, wenn sein Charakter Erfolg hat und er ist nicht
traurig, wenn er Misserfolg hat. Er ist in der heiligen Mitte und steht gleichgültig
zwischen den Polen der Polaritäten. Er schwebt sozusagen über der Persönlichkeit
und beobachtet sie, ohne sich ausschließlich mit ihr zu identifizieren. Ungefähr so, wie
ein Zuschauer in einem Theater den Hauptdarsteller betrachtet und sich nicht gleich
mit ihm identifiziert. Denk einfach an die zwei Alten in der Loge bei der Muppetshow. Sie
beobachten das ganze Theater und reißen ihre Witze darüber, wenngleich sie keinerlei
Interesse haben einzugreifen und etwas zu verbessern. Sie stehen sozusagen über dem
ganzen Spiel.“
„Das klingt ziemlich schwer. Schließlich identifiziere ich mich, seit ich denken kann mit
meiner Persönlichkeit“, seufzt Henry.
„Alles eine Sache der Übung und der geistigen Orientierung. Die Frage ist in der Zukunft: Wo
investierst du deine Aufmerksamkeit? Ins Ego oder in den Beobachter?“
„Ich weiß es nicht!“, antwortet Henry ehrlich.
„Ich auch nicht! Das Leben wird es dir zeigen. Aber jetzt mach mal mit der Erklärung der
Neutralitätsebene weiter“, fordert ihn David auf.
„Gut! Also ... wo war ich ... ach ja, ...beim MP Feld ... im Männlich Passiven Feld bleibe ich
im Prinzip so lange in Ruhe, bewusst oder unbewusst, bis irgendetwas mich wieder in meine
Persönlichkeit hineinzieht: ein Nichteinverstandensein (WP-), oder ein Kämpfen müssen
(MA-), ein Lieben (WP+) oder ein Bestimmen wollen (MA+).
Das Spiel läuft dann auf der Persönlichkeitsebene an der jeweiligen Stelle weiter, bis ich
wieder im MP Feld zur Ruhe komme. Ist das so richtig?“
„Sehr gut! Ich hätte es nicht viel besser und einfacher erklären können!“, lobt David und
betont: „Das MP Feld ist das eigentliche Zuhause des Menschen. Hier findet er den
Schlüssel zu seinem wirklichen SELBST und bekommt wahrhaftiges
Selbstbewusstsein! Es ist das Feld jenseits der Persönlichkeitsebene.“
„Und die Persönlichkeit ist die Maske, die mich davon ablenkt!“
„Das könnte man etwas vereinfacht so stehen lassen. Wobei die Persönlichkeit nicht
schlecht oder böse ist, sondern eine Möglichkeit darstellt, die Welt zu erfahren.“
Henry beginnt langsam zu verstehen und sich selbst etwas Licht in dieses Felderverwirrspiel
zu bringen. Beschwingt darüber redet er weiter:
„Das heißt, ich hab es mit zwei Zuständen zu tun: Einmal den ruhenden Beobachterzustand
auf der Neutralitätsebene und dann den turbulenteren Zustand innerhalb der
Persönlichkeitsebene. Wobei der Beobachter geistig über der Persönlichkeit liegt...“
„... und der erwachte Beobachter steht über dem schlafenden bzw. wertenden Beobachter.
Wobei der wertende Beobachter kein eigentlicher Beobachter ist, sondern viel mehr ein Teil
des Persönlichkeitsprogramms ist und mehr auf der Persönlichkeitsebene, als im MP Feld,
zu hause ist“, konkretisiert David und nickt Henry zustimmend.
„Genau! Weil ein wertender und urteilender Beobachter entweder mit etwas nicht
einverstanden ist (WP-) oder mit etwas besonders einverstanden ist (WP+). In beiden Fällen
steht er nicht in der Ruhe. Es macht daher tatsächlich Sinn, diesen auf die
Persönlichkeitsebene zurückzusetzen“, bestätigt diesmal Henry.
„Du scheinst es ja doch schon recht gut verstanden zu haben.
Aber was ist mit den zwei Feldern im Weiblich-Aktiven Quadranten?“
„Hier handelt es sich, so glaube ich zumindest, um das, was beobachtet werden kann. Alles
was ich wahrnehmen bzw. der Beobachter erkennen kann, liegt in diesem Quadranten.
Dabei unterteilt es sich in ein Weiblich-Aktiv-Negatives Feld (WA-), das alles physisch
Reale symbolisiert, wie meinen und deinen Körper, den Fernseher, den Teller, aber auch
den Kaffeegeruch, ein Geräusch, usw. alles was ich als ,äußere’ Sinneswahrnehmung
erfahre.“
Henry schaut mit einem fragenden Blick David an, aber dieser nickt zustimmend. Somit fährt
Henry fort: „Das Weiblich-Aktiv-Positive Feld (WA+) dagegen versinnbildlicht alle inneren
Informationen wie Gedanken, Gefühle, Interpretationen usw.“
„Sehr richtig. Kannst du dir ein paar Beispiele geben?“, will David wissen.
„Ja, ich denke schon ... der Kuchen hier ist an sich eine konkrete physische Information
(WA-), die ich anfassen und in dem Mund stecken kann, so zum Beispiel.“
Henry nimmt sich das letzte Stückchen Kuchen, schiebt es sich in den Mund, kaut ein paar
Mal, bis er ihn hinunterschluckt und erläutert dann weiter:
„Und jetzt, kann ich nur noch an den leckeren Kuchen denken und mir vorstellen (WA+), ihn
bald mal wieder zu essen!“
„Sehr gut und sehr anschaulich erklärt. Aber wie ist es mit der Information, dass ,meine
Freundin den Kuchen vor zwei Tagen gebacken hat und ihn mir gebracht hat’? Wo würdest
du das denn einordnen?“
„Na, in das konkrete äußere Informationsfeld (WA-)?“, antwortet Henry sicher.
„Nein, falsch! Es ist eine Interpretation über die Dinge, die du dir innerlich denkst!“
„Also, doch WA+! Na ja, man kann nicht immer recht haben“, gibt Henry zu.
„Genau diese Unterscheidung ist aber sehr wichtig, um die reale Wirklichkeit (WA-) von
deinen Interpretationen (WA+) zu differenzieren. WA- ist immer das, was jetzt ist und WA+
sind deine persönlichen Interpretationen, Gedanken und Gefühle, die mit dem Jetzt
zusammenhängen!“
Henry guckt noch etwas irritiert, so als ob er es gerne noch etwas konkreter hätte. David
steht auf, öffnet sein Fenster einen Spalt, so dass der Straßenlärm zu hören ist und fragt
Henry:
„Was hörst du?“
„Ich höre wie ein Auto eine Straße entlang fährt und jemand eine Autohupe betätigt.“
„Und jetzt sag mir, was ist WA- und was ist WA+?“
,Jetzt kommt wieder das Lehrerhafte bei David durch’, denkt sich Henry, ,aber was soll`s. Ich
bin in gewisser Weise ja auch der Schüler.’
„Na alles ist WA-, eine konkrete Erscheinung, oder nicht?“
„Wo ist den dein Auto und der Fahrer, der eine Hupe betätigt?“
„O.k. ich hab verstanden Das ist meine Interpretation des Geräusches, das ich höre. Also in
Wirklichkeit wäre es das WA+ Feld. WA- ist nur das konkrete Geräusch, in diesem Fall der
Auto- oder Straßenlärm. Alles andere, wie das Auto, was ich glaube, das den Lärm
verursacht hat, ist immer meine logische Interpretation, die auf meinem Wissen aufbaut und
diese zählt grundsätzlich zum WA+ Bereich. Außer ich gehe jetzt zum Fenster, schaue
hinunter und sehe das Auto, dann wird es eine konkrete äußere Erfahrung auf WA-.
Stimmt’s?“
„Genau so ist es. Diese grundsätzliche Unterscheidung in WA- und WA+ ist sehr
wichtig, weil das, was dich in die Unruhe (WP- oder MA-) führt, in fast 100% der Fällen auf
deinen Interpretationen und Zukunftsvoraussagen aufbaut (WA+) und nicht auf dem,
was wirklich konkret hier und jetzt ist (WA-).“
„Schon möglich. Aber ich weiß es nicht. Das ist eine Behauptung von dir“, hält Henry
dagegen.
„Stimmt schon. Aber fang an, dich zu beobachten und du wirst wissen, was ich meine. Der
neutrale Beobachter (MP+) erkennt den Unterschied.“
Henry widerspricht nicht weiter, sondern trinkt den letzten Schluck aus seiner Tasse und
lehnt sich zurück, um über seine eigene Erklärung noch mal nachzudenken.
„Wenn ich mir die ganze Situation so durchdenke, dann spielt sich eigentlich meine ganze
Realität ausschließlich in diesem WA Feldbereich ab, oder?
Weil selbst, wenn ich merke, dass ich Wut und Anspannung spüre, dann ist sie eine
Erscheinung im WA+ Feld. Bin ich überhaupt in der Lage außerhalb des WA Feldes noch
etwas anderes zu erfassen? Oder bring ich da jetzt etwas durcheinander?“, fragt Henry
sichtlich etwas verwirrt.
„Überhaupt nicht. Das hast du sehr gut erkannt. Alles, was du erfahren kannst, spielt sich
ausschließlich im WA Feld ab. Die Wut ist eine Erfahrung im Weiblich-Aktiv-Positiven
Quadranten. Auch der Beobachter, den du dir abstrakt denken kannst, ist nur ein Gedanke
und befindet sich immer im WA+ Feld“, bestätigt David die Vermutung von Henry.
„Ja, das stimmt. Den Beobachter, den ich mir denke, ist nur ein Gedanke, den ich
beobachte. Dann kann ich mir den tatsächlichen erwachten Beobachter (MP+) nicht
denken, sondern eigentlich immer nur selbst sein? Hab ich das jetzt richtig interpretiert?“
„Hervorragend! Genau so ist es. Jetzt erkennst du vielleicht auch, dass alle Begriffe und
Formulierungen, mit denen der Autor versucht die Felder außerhalb des WA Quadranten zu
beschreiben immer nur symbolisch gemeint sind, weil dieser Komplex letztendlich jenseits
deines momentanen Fassungsvermögens liegt.“
„Beängstigend!“
„Überhaupt nicht. Der Schöpfer hat sich was dabei gedacht. Gibt dich doch erst mal damit
zufrieden.“
„Ja, mir bleibt ja nichts anderes übrig. Aber ich fange langsam an zu verstehen, dass, relativ
gesehen, ein Beobachter oder Wahrnehmer immer mehr sein muss, als das, was er
beobachtet bzw. wahrnimmt. Er steht quasi hierarchisch darüber. Sonst könnte er es nicht
erfassen. So wie ein Träumer sich nicht selbst träumen kann, sondern nur einzelne Aspekte
seines Selbst im Traum erfahren kann. Somit muss das, was er im Traum erfährt immer eine
untere Stufe sein, als das, was er selbst in seiner Ganzheit ist“, hört sich Henry selbst sagen
und wundert sich, wie schlüssig das plötzlich klingt.
„Brillant, brillant, Henry“, jubelt David und klatscht in die Hände, „du begreifst wirklich sehr
schnell. Dafür hast du dir noch einen Kaffee verdient. Ich mach uns noch eine Kanne.
Derweilen kannst du gern weiterlesen. Ich bin gleich wieder da.“