„Warte mal einen Moment, Henry. Ist für dich das gerade Gesagte soweit verständlich
gewesen?“, unterbricht David, den Erzählfluss von Henry.
„Na ja, geht so. Am Anfang war es etwas holprig, aber danach wurde es mit den Beispielen
etwas konkreter“, erklärt Henry.
„Versuch doch mal mit deinen Worten die große Graphik auf Seite 217 zu erklären. Sie ist
eine schöne Hilfe, wenn du dir die Vorlieben und Abneigungen deines Charakters bewusst
machen willst. Wie würdest du sie denn allgemein deuten? Glaub mir, sie sieht auf den
ersten Blick komplizierter aus, als sie in Wirklichkeit ist.“
Henry nickt, blättert einige Seiten zurück und schaut sich die Zeichnung über „das
Handlungsspektrum“ in Ruhe noch mal an.
„Na ja, es geht um die vier Felder der Persönlichkeitsebene, die eine Art Achsenkreuz um
eine Zielscheibe bilden, welche im Zentrum von der Neutralitätsebene geschnitten wird.
Wahrscheinlich soll dieses lila Rohr der neutrale Bilderstrom sein, der entlang fließt und von
dieser Persönlichkeitsebene bewertet wird.
Wobei ich dir gleich sage, dass ich das mit dem Bilderstrom noch nicht verstanden habe“,
greift Henry gleich vorweg.
„Das macht nichts. Schau her: wenn du so durchs Leben gehst, dann hast du doch ständig
eine Flut von Eindrücken und Informationen, die auf dich einwirken? Jetzt hörst du meine
Worte und siehst mich, dann denkst du zum Beispiel an deine Freundin, nimmst einen
Schluck Kaffe, siehst die Tassen, den Tisch, usw. Du bist einem permanenten
Informationsstrom ausgesetzt, du ertrinkst geradezu darin!“
„Ja, so gesehen, verstehe ich es. Das macht Sinn. Wäre für andere Leser nicht schlecht
gewesen, wenn der Autor dies gleich dazugeschrieben hätte. Nicht jeder hat einen ,David’
neben sich sitzen, der einem die Fragen gleich beantwortet.“
„Danke für dein Kompliment. Aber mach jetzt lieber mit der Zeichnung weiter.“
Ein bisschen nervt es David, dass Henry, wo er kann, an dem Autor rumkritisiert, anstatt sich
zu freuen, dass dieser sich die ganze Arbeit gemacht hat und ihm alles auf einem silbernen
Tablett liefert. Daher fragt er etwas neugierig:
„Bevor du weitermachst, was bist du eigentlich für ein Sternzeichen?“
„Jungfrau! Warum willst du das denn jetzt wissen?“
„Na, dann wundert mich gar nichts mehr. Ist schon alles gut. Jungfrauen sind intelligente
Menschen, alles wunderbar. Mach ruhig weiter“, lenkt David ab, der plötzlich Verständnis für
Henrys ständige Kritik entwickelt, weil genau dies so schön zu dem Archetyp ,Jungfrau’
passt. Er kann nicht anders, er ist so programmiert.
„O.k. Dann mach ich jetzt weiter mit der Zeichnung.
Der Bilderstrom wird also von dem Menschen interpretiert. Dabei werden die Bilder entweder
unter ,abgelehnt und bekämpft’ oder ,angenommen und gefördert’ eingestuft.“
„... oder mit ,gleichgültig’ bewertet. Bei vielen Informationen hast du keinen Ausschlag. Es
rauscht an dir vorbei und du bemerkst es kaum. Du bleibst in der Ruhe (MP) und damit ist
der beste Fluss garantiert“, ergänzt David.
„Ja, stimmt. Das hätte ich fast vergessen.“
„Das ist wichtig. Außerdem muss ich dich noch korrigieren, weil du gesagt hast, der ,Mensch’
interpretiert die Informationen und Bilder. Besser wäre es zu sagen, die Persönlichkeit gibt
aufgrund ihrer Programmierung, sprich Charakteranlagen, Erziehung und Wissen, ein
vorgezeichnetes Wertungsraster vor, das der wirkliche Mensch selbst nur beobachten
und sich dessen bewusst werden kann.
Das was ich unter Mensch verstehe ist, etwas pathetisch formuliert, das Ebenbild GOTTES.
Du kannst es dir nicht vorstellen, sondern am Ende nur selber sein.“
„Gut, dann wertet und agiert eben die Persönlichkeit auf den Bilderstrom, der vor dem
geistigen Auge des Menschen, dem Beobachter im Zentrum, vorbeizieht. Recht so?“
Henry schaut David, mit dem provozierenden Gesichtsausdruck eines Schülers an, der jetzt
eine Bestätigung haben möchte, dass er die richtige Antwort wiedergegeben hat.
David nickt ihn mit einem Lächeln an und Henry fährt fort:
„Und so wird jedes Bild einen persönlichen Standpunkt innerhalb des blauen
Handlungsspektrums bekommen. Je stärker ich ein Bild ablehne oder annehme, desto weiter
ist der Ausschlag vom Zentrum, der Gleichgültigkeit, entfernt.“
„Sehr gut. Genau so sehe ich es auch. Aber was man noch ergänzend dazu sagen muss, ist,
dass alle Bilder und Informationen polar aufgebaut sind. Das bedeutet, dass immer eine
Seite im Hintergrund bleibt, während die andere Seite in deinem Bewusstsein auftauchen
kann. Gleichzeitig zieht das die Konsequenz mit sich, dass, wenn du auf die eine Seite der
Polarität einen positiven Ausschlag hast, du dann mit der andere Seite einen negativen
Ausschlag erfahren wirst. Konkret meine ich, wenn du zum Beispiel einen positiven
Ausschlag auf ,Ordnung’ hast, dann wirst du gleichzeitig einen negativen Ausschlag auf
,Unordnung und Chaos’ haben.
Dabei gilt, dass die Ausschläge vom Zentrum weg, in beiden Richtungen genau gleich sind
und sie sich deshalb auch gegenseitig auslöschen können.
Durch das Lieben gleichst du all das aus, was du ,ablehnst und bekämpfst’ und mit
Loslassen kompensierst du alles, was du nur einseitig ,annehmen und fördern’ willst. So
gelangst du durch ,Lieben und Loslassen’ immer wieder ins heilige Zentrum zurück! Sie
sind letztendlich die beiden Schlüssel in dein eigenes Himmelreich.“
„Ist das tatsächlich so einfach? Ich meine, ist das eine feste Regel, die immer gilt?“, fragt
Henry etwas verwundert über dieses relativ einfache Schema.
„Beweis es dir selber. Sag mir, was du magst oder ablehnst!“
„So schnell fällt mir gar nichts ein.“
„So, so, du bist schon heilig. Ich helf dir mal auf die Sprünge: wie wäre es mit dem Feindbild:
,Sozialhilfeempfänger’ oder ,Punker’!“
„Ja, das stimmt, da merke ich eine negative Resonanz in mir. Würde ich als kleines Feindbild
gelten lassen.“
„Wie hoch ist dein emotionaler Ausschlag auf der Skala von 1 bis 10, wobei 10 der
Extremwert ist?“
„Vielleicht 4 oder 5.“
„Gut und jetzt nimm mal das Bild eines jungen dynamischen disziplinierten Arbeiters, der
sein Geld selbst verdient und der Gesellschaft sogar noch Geld über Steuern abgibt. So
einen Prachtkerl, wie du einer bist. Welchen Ausschlag hast du bei diesem Gedanken?“,
grinst David.
„Ich gebe zu, einen positiven Ausschlag“, bestätigt Henry.
„Und die Ziffer auf der Skala?“
„Vielleicht 5 bis 6.“
„Also du siehst, die Ausschläge sind nahezu gleich.
Ein Punker zum Beispiel, könnte genau die gegenteiligen Ausschläge empfinden, weil er so
einen wie dich vielleicht als Spießer, Blutsauger oder Kapitalist bezeichnet. Alles eine Frage
der Einstellung oder besser, des Programms.“
Henry nickt verständig, was David darin motiviert noch einen Schritt weiter zu gehen:
„Ob Banker oder Punker, von einer höheren Sicht aus gesehen, sind beide völlig
gleichwertig. Keiner ist besser oder schlechter als der andere, weil von der Synthese
aus betrachtet, immer beide Seiten der Polarität gleichwertig sind, denn nur
gemeinsam können sie überhaupt existieren. Die eine Seite benötigt die andere als
Kontrast.
Alles fällt in letzter Konsequenz sowieso in der Synthese, sprich in GEIST, zusammen. Dort
ist alles materielle Formgewordene eh gleichgültig.“
Henry schluckt, weil er die Aussage erst mal verdauen muss. Hat er sich gegenüber einem
Punker doch immer als einen besseren und wertvolleren Menschen für die Gesellschaft
gefühlt. Und jetzt erklärt ihm David, dass beide, von einer höheren Stelle aus, völlig
gleichgültig sind. Das kann und will er im Moment noch nicht so ganz nachvollziehen, aber er
widerspricht zumindest auch nicht, also redet David weiter:
„Du bleibst ewig in deinen beiden Kreisläufen hängen: immer wenn du einen faulen Punker
siehst, denkst du dir ,pfui’ (negativer Kreislauf) und wenn du einen fleißigen Banker siehst
denkst du dir ,hui’. (positiver Kreislauf). Bild Resonanz! Immer das gleiche Spiel“
„Stimmt, das kann ich bestätigen. Und wie könnte ich da jetzt wieder rauskommen?“
„Der erste Schritt ist das Selbstbewusstsein. Du musst dir deinem Feindbild, dem faulen
Punker, und deinem Freundbild, dem fleißigen Banker, bewusst sein.
Dann hilft dir auch, wenn du erkennst, dass es sich um ein polares Pärchen handelt. Eine
Polarität stellt immer eine Hassliebe dar, weil beide Seite nicht miteinander, aber auch nicht
ohne einander auskommen können und daher schon mal vom Naturell her gleichwertig sind.
Danach kannst du anfangen dich geistig etwas flexibel zu machen und auch andere
Standpunkte einnehmen. Vielleicht die Andersartigkeit oder die Farbenpracht eines Punkers
anerkennen. Oder vielleicht die scheinbare Leichtigkeit mit der sie durchs Leben gehen. Du
wirst feststellen, dass sie vielleicht viele Eigenschaften haben oder verkörpern, die du gerne
hättest, weil sie dir noch fehlen zu deiner Ganzheit.“
Henry schaut etwas ungläubig, aber je länger er darüber nachdenkt, desto mehr erkennt er
die Wahrheit hinter den Worten Davids.
„Entweder du lässt dein Freundbild, den fleißigen Banker als Vorzeigemensch los, oder du
fängst an dein Feindbild, den faulen Punker, zu lieben, sprich zu verstehen und als eine
Ausdrucksform GOTTES anzunehmen.
In beiden Fällen landest du wieder im heiligen Zentrum, der Ruhe und Ausgeglichenheit
(MP). Freundbild (+) und Feindbild (-) heben sich immer gegenseitig zu „0“ auf!
So macht der alte Spruch Sinn:
Hinter jedem Feindbild liegt ein Schatz vergraben, der auf den wartet, welcher lieben
kann.“
Henry schnauft einmal tief durch und sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass in diesem kleinen
Abschnitt so viel Tiefe steckt. Ich glaub, ich brauch eine kurze Pause.“
Henry steht auf und geht Richtung Toilette.
Nach ein paar Minuten kommt er wieder, schenkt sich noch etwas Kaffee ein und liest weiter.