Einen Moment bitte, bevor du weiterliest. Was sagst du zu den vier Grafiken?
Sie sind sehr elementar“, unterbricht David seinen Freund.
Henry stoppt und schaut sich die Zeichnungen noch mal genauer an.
„Also, ich nehme mal an, dass die erste rote Zeichnung (m)einen Charakter darstellen soll,
der auf bestimmte neutrale Bilder mit einem positiven oder einem negativen Ausschlag
reagiert. Manchmal stärker, manchmal schwächer, das hängt ganz von meinen Sichtweisen
ab. Die grüne Zeichnung stellt das entgegengesetzt gespiegelte Bild zu meinen Standpunkten
dar. Ich würde sagen, das ist mein persönliches Dianegativ, weil ich meine Sichtweisen ja
immer als ,positiv’ anerkenne.
Meine Ausschläge und Wahrheiten über die Bilder und Informationen werden hier als
,Sünde’ bezeichnet und das ausgleichende Gegenstück dazu, als meine persönliche
,Schuld’. Dabei gilt, wie ich der Graphik entnehme, dass die Sünde und die Schuld sich nur durch das
Vorzeichen unterscheiden und immer den gleichen Abstand von der Mittelachse haben. Sie
sind sozusagen deckungsgleich. Ich nehme an, dass der Autor damit sagen will, dass jede
Sünde ein einseitiger Ausschlag ist und durch die genau entgegengesetzte Schuld, sprich
den entgegengesetzten Standpunkt, getilgt bzw. ausgelöscht werden kann. Wenn ich
,schlechtes Wetter’ ablehne, dann besteht die Schuld darin ,schlechtes Wetter’ auch
anzunehmen.
Wie immer das auch funktionieren soll.
Am Ende bleibt nur ein Strich übrig. Das wird wohl der nicht beschreibbare Zustand im
Zentrum sein, von wo aus man alle Standpunkte gleichwertig betrachten und verstehen
kann. Dann scheint auch kein Ego mehr in mir zu dominieren, weil ja alles ausgeglichen ist.
Wie immer sich das auch anfühlen mag!“
David nickt zufrieden und merkt aber, dass bei Henry schon noch etliche Fragezeichen
wüten, daher fragt er weiter:
„Kannst du dir ein praktisches Beispiel aus deinem Leben geben?“
Henry überlegt und sagt schließlich: „Also, ich liebe die Ruhe und die Landschaften in
Norwegen. Hier habe ich einen positiven Ausschlag. Soll ich jetzt etwa Norwegen ablehnen,
um in die Mitte zu kommen?“
„Nein, nicht zwangsläufig. Deine Persönlichkeit kann doch weiterhin auf diesem Standpunkt
bleiben. Wohlgemerkt, es geht hierbei lediglich um dein höheres Bewusstsein, welches aus
deinem Charakter herauswächst und mit dem neutralen und wachen Beobachter (MP+) den
ersten Schritt tut. Du wirst immer mehr zwei in einem! Persönlichkeit und Beobachter in
einem GEIST! Dein Charakter kann weiterhin kämpfen (MA-), bestimmen (MA+), annehmen
(WP+) oder ablehnen (WP-), nur bist du dir als höherer Beobachter auch immer der
Gegenseite bewusst und verstehst sie, selbst wenn dein Charakter diese noch nicht
annehmen will.
Wie denkst du zum Beispiel über jemanden, der die Partymeile auf Mallorca in seinem
Urlaub vorzieht und sich lieber besäuft und tanzt, als die Ruhe und die Landschaften zu
genießen?“
„Er weiß nicht, was er verpasst, aber wenn er glaub, er wird glücklich, ist mir das auch recht.“
„Glaubst du das ist schlechter, als das, was du machst?“, bohrt David weiter.
„Vorgestern hätte ich noch ,ja, selbstverständlich’ gesagt und den anderen von meinem
Standpunkt versucht zu überzeugen, indem ich ihm einen Vortrag über die Vorzüge und die
Faszination von Norwegen gehalten hätte, aber jetzt würde ich wahrscheinlich sagen, ,jeder
nach seinen Vorstellungen. Was für den einen gut ist, kann für den anderen abstoßend
sein’.“
„Sehr schön! Siehst du, du bist schon wieder ein Stückchen gewachsen. Du hast einen Teil
deiner Schuld getilgt, wenn man das so formulieren möchte, und bist weiter in die Mitte
gerückt. Du hast dich geöffnet für die Andersartigkeit und bist in deiner Toleranz und
Liebesfähigkeit gewachsen. Was deshalb nicht heißt, dass du deinen nächsten Urlaub auf
der Partymeile von Mallorca verbringen musst, aber vielleicht wird es auch deiner
Persönlichkeit eines Tages egal sein, ob die Reise nach Mallorca oder Norwegen geht. Dann
bist du vollständig in der Mitte, der Gleichgültigkeit angekommen und ein Teil deines Egos
wurde geopfert bzw. ausgelöscht.“
„O.k. Ich verstehe. Das bedeutet, ich kann meinen Charakter weiterhin all seine Vorlieben
und Abneigungen zugestehen und gleichzeitig die gegenteilige Position akzeptieren und
tolerieren?“
„Ja, das ist der erste Schritt. Der zweite ist dann, dass du die beiden Positionen als genau
gleichwertig betrachten kannst.“
„Wie soll das funktionieren? Was kann ich denn da tun“
„Mit ,Wollen’ läuft da vorerst gar nichts. Du musst einfach Geduld haben! Du wächst
automatisch dort hinein. Stell dir vor du topfst eine Pflanze um. Sie hat jetzt mehr Platz und
mehr Möglichkeit zu wachsen und sich zu entfalten, aber deswegen ist sie noch nicht am
nächsten Tag schon so groß geworden, dass sie den neuen größeren Topf komplett ausfüllt.
Es passiert langsam, Schritt für Schritt. Wichtig ist dafür nur den neuen Raum geschaffen zu
haben, um dort hinein zu wachsen!“
„Das ist ein schönes Bild. Das macht Sinn.“
„Was vielen Menschen fehlt ist einfach die Geduld mit ihrem Charakter. Geduld ist der
beste Dünger. Ungeduld dagegen ist wie ein Schädling, der das Wachstum bremst und
blockiert.“
„Ja, ja, Geduld. Das könnte ich mir auch auf die Stirn schreiben“, sinniert Henry.
„Dort siehst du es nicht, erfreu dich lieber an deiner Ungeduld“, grinst David ohne zu wissen,
ob Henry diese tiefe Aussage verstanden hat.
„Gibt es eigentlich keine Mittel oder Wege, wie zum Beispiel irgendwelche tibetanischen
Meister, die einem dabei behilflich sind, schneller voranzukommen?“
„Wenn du glaubst, du kannst dich vor deiner Lebens-auf-gabe drücken, indem du einfach
eine Pille nimmst, irgendein Buch wie dieses liest, oder du dir einfach einen Guru suchst,
damit er deine Sorgen wegtherapiert, dann hast du leider die Rechnung ohne den Wirt
gemacht. So wird es nicht wirklich funktionieren. Du kannst deine Aufgaben durch äußere
Unterstützung vielleicht kurzfristig besser in den Griff kriegen, aber substantiell verändert
sich dadurch nichts. DU musst ganz alleine Lieben und Loslassen lernen und
praktizieren! Das macht für dich kein Buch mit schönen Sprüchen, kein Guru, Arzt, Freund
oder Politiker und dagegen gibt es auch keine Tabletten, Impfungen oder Operationen.
Das ist ganz allein deine Aufgabe.
Im scheinbaren Außen kannst du nur die Spielregeln erfahren und dir Beispiele und Impulse
für deine Prüfungen und Aufgaben holen. Umsetzen allerdings darfst du sie dann alleine.
Aber ich kann dich beruhigen: Die Schöpfung ist so angelegt, dass du in deinem Leben
genau die Aufgaben und Prüfungen auferlegt bekommst, die du auch in der Lage bist
zu bewältigen!“
„Woher weißt du das?“, fragt Henry wieder etwas kritischer nach.
„Alles andere macht keinen Sinn. Wenn die Schöpfung perfekt ist und alles sieht danach
aus, von meiner unteren begrenzten Sicht aus, dann folgt die Richtigkeit meiner Aussage
zwangsläufig. Aber von deinem Standpunkt hast du auch recht. Nur du selbst kannst für dich
erkennen, ob die Schöpfung perfekt ist oder nicht. Aber dazu musst du erst mal die
Grundregeln verstehen. Wie kann jemand ein Spiel beurteilen, wenn er nicht mal die
Regeln kennt, oder weiß, um was es geht! Schritt für Schritt. Verstehen kann nur in DIR
langsam oder schnell aufkeimen, wie eine Pflanze die langsam Blüten und Früchte trägt. Du
wirst von „außen“ nicht viel machen können, um der Pflanze Früchte wachsen zu lassen.
Genauso ist es mit deinen Prüfungen, Aufgaben und dem Verstehen. Es hängt alles
miteinander zusammen und kann letztendlich nur von dir, durch Liebe und Loslassen,
erledigt werden! Versuche nicht dies auf andere abzuwälzen, damit sie für dich weise
werden. Mehr gibt es dazu im Augenblick nicht zu sagen.“
Henry schnauft wieder einmal tief durch und gibt sich aber vorerst mit Davids Erklärung
zufrieden. So viel Informationen muss er sowieso erst mal in Ruhe verdauen. Bestimmt kann
er sich den Großteil von Davids Erläuterungen nicht merken. Alles mitschreiben will er aber
auch nicht, dafür ist sein Stolz zu groß, weil normalerweise die Leute eher bei ihm
mitschreiben. Aber egal, irgendwie wird er sich schon wieder daran erinnern.
Er schaut erneut in das Buch und plötzlich fällt ihm die Frage ein, die ihn beschäftigte, kurz
bevor ihn David unterbrochen hat:
„Was ich beim letzten Thema „Schuldgefühle“ nicht ganz verstehe, ist die Aussage, dass
jeder Mensch ,gut’ ist. Was ist denn mit einem Hitler, Stalin, Mao Tse Dung, Mussolini,
Dschingis Khan, Jack the Ripper und wie die ganzen Psychopathen der menschlichen
Geschichte alle heißen. Waren die auch nur ,gut’?“
„Natürlich! Ich weiß aber, dass man diesen Abschnitt leicht missverstehen kann. Ich denke
mal der Autor wollte etwas provozieren und seine Leser an ihre Toleranzgrenzen führen.
Aber deshalb ändern auch diese Extremcharaktere nichts an dem Grundprinzip.
Woher willst du wissen, dass sich ein Hitler in seiner Haut nicht als ,Mensch empfunden hat,
der auch versucht hat, nach bestem Wissen und Gewissen für sich und sein Volk zu
handeln’, in Maßsetzung seines Wissens und seiner Vorstellung von richtig und gut
natürlich?“
„Das kann schon sein. Ziemlich wahrscheinlich sogar“, gesteht Henry ein, überlegt einen
Moment und sagt dann: „Aber das würde ja bedeuten, dass es keine schlechten Menschen
gibt?“
„Ja und nein. Für dich gibt es all die schlechten Menschen, die du dazu verurteilst,
schlecht zu sein. In deiner Welt gibt es viele schlechte, böse und hinterhältige
Menschen, aber nur weil du ihre Handlungen mit deinem Wertmaßstab misst und dich
weigerst, ihren Standpunkt zu verstehen. Meinst du nicht, du würdest genauso reagieren
und handeln wie sie, wenn du an ihrer Stelle gewesen wärst, mit ihrem Wissen, ihren
Erfahrungen und ihrer Vergangenheitsgeschichte?“
„Puh ... vermutlich ja..., aber diese Frage kann ich dir nicht endgültig beantworten. Dazu
müsste ich die anderen Menschen gewesen sein.“
„Richtig, aber du könnest es doch bei dir überprüfen. Versuchst du nicht auch immer alles
nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden?
Vor wichtigen Entscheidungen zum Beispiel, bemühst du dich doch auch, dir so viel
Informationen wie nötig zu beschaffen, um die beste aller Möglichkeiten für dich und deine
Umwelt zu treffen?“
„Ja, natürlich. So gesehen schon“, willigt Henry ein.
„Frag doch mal in deinem Bekanntenkreis, ob es anders ist?
Der Mensch ist so programmiert, dass er genau so reagiert und handelt. Das einzige, was
man einer Persönlichkeit vorwerfen könnte, ist dass sie sich zu wenig Informationen und
Sichtweisen für ihre Entscheidungen eingeholt hat. Aber auch das wird schwierig, weil jeder
solange sucht, bis er glaubt, dass es langt.
Menschen, die extrem handeln, die wissen entweder sehr viel oder sehr wenig im Vergleich
zu einem Durchschnittsmenschen.“
„Also hat ein Hitler ziemlich wenig gewusst?“
„Wenn du das sagst. Ich weiß es nicht. Letztendlich entscheidest du es in deiner Welt, wer
ein Narr ist und wer weise ist.“
„Wahrscheinlich. Dann ist es auch müßig darüber zu reden oder zu diskutieren“,
schlussfolgert Henry und nickt wieder verständig mit dem Kopf.
„Völlig richtig! Der Weise diskutiert nicht, er hört lieber zu, um sich am Standpunkt des
anderen zu bereichern!“
„Du kannst bald einen Sprücheband herausgeben, oder einen Kalender. Davids tägliche
Dosis Weisheit. Vielleicht schaffst du es sogar bis zum Glückskeks. Wäre doch gut, so nach
dem Essen im Chinarestaurant, wenn man kurz vor der saftigen Rechnung liest: ,Der Weise
diskutiert nicht!’“, bemerkt Henry etwas spöttisch, weil er mittlerweile das Gefühl hat,
zwischen Davids Weisheit kaum mehr Luft zu bekommen und fast zu ersticken.
„Fühlst du dich etwas überfordert?“, fragt David vorsichtig nach.
„JA!“, lautet Henrys ehrliche Antwort.
„Soll ich dir einen Glückskeks holen? Ich glaube, ich hab noch einen von der letzten
Bestellung beim Chinesen.“
„Nein danke! Ich brauch bloß eine kleine Pause. Ich weiß gar nicht, wo ich das alles in
meinem Kopf hinpacken soll“, gibt Henry etwas verzweifelt zu.
„Darf ich dir noch einen Tipp geben?“
„Ja, wenn es kein Weisheitsspruch ist!“
„Na ja, ein bisschen schon: Mach es mit der geistigen Nahrung, wie mit der körperlichen
Nahrung. Genieß es, wenn du sie aufnehmen darfst, versuch sie zu erschmecken, aber
überlass den Rest deinem Magen bzw. deinem Geist und bemüh dich nicht krampfhaft
an etwas festzuhalten. Wenn es zu viel ist, dann mach eine Pause und verdau erst mal,
und wenn es zu schwer oder zu komisch schmeckt, dann verdamm es nicht gleich,
sondern lass dir das Türchen offen, dass es dir vielleicht ein andern mal besser
schmecken könnte. Möglicherweise wächst auch dein Geschmack. Welches Kind mag
schon Knoblauch, Oliven und Spinat?“
„Ja, das klingt gut. Dann lass uns eine kurze Pause machen. Bevor wir weiterlesen.“
„Aber gern.“
David hat Verständnis und weiß, dass es für Henry anstrengend ist. Er lebt in einer ganz
anderen Welt als er. Für ihn ist das alles klar wie Kloßbrühe, aber er wurde mit sehr viel
neuen Informationen und Blickwinkeln in den letzten 18 Stunden überschüttet.
,Dafür hält er sich wacker, der kleine Racker’, denkt sich David und beobachtet, wie Henry
frische Luft auf dem Balkon schnappt und sich von der Sonne ins Gesicht scheinen lässt.