Henry lässt das Buch wieder auf den Tisch sinken, lehnt sich an die bequeme Eckcouch
zurück und starrt sinnierend in den leeren Raum hinein, der eigentlich von Davids Möbeln
gefüllt wird.
„Was geht dir durch den Kopf?“, fragt David nach einer Weile.
Henry holt einmal tief Luft und antwortet: „Also ich finde, dass das ganz schön viel
Information auf den letzten 20 Seiten ist. Die müsste ich erst mal verarbeiten, bevor ich
weiterlese.“
David schweigt und Ruhe breitet sich im Raum aus, bis Henry weitersinniert: „Das klingt alles
irgendwie plausibel und stimmig, doch für mich ist das alles noch so, ...viel und etwas
,ungewohnt.“
„Wo liegt denn dein Problem?“
„Das weiß ich noch nicht konkret, dazu müsste ich mich erst noch mal mit den einzelnen
Informationen beschäftigen.“
„Mach es nicht zu kompliziert am Anfang. Es ist nicht so schwer, wie es vielleicht auf den
ersten Blick erscheint. Im Prinzip ist nichts unbekanntes dabei, weil du in deinem Alltag ja
ständig auf diesen vier Feldern wandelst. Hast du die vier Archetypen im groben
verstanden?“ „Ja ich denke schon.“
„Dann erklär sie mir noch mal kurz, Henry. Wenn man sich selbst, oder anderen die
Zusammenhänge erläutert, dann versteht man es meistens danach noch besser als zuvor.
Man kann sich sogar dabei beobachten, wie plötzlich Informationen aus einem selbst
heraussprudeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie wusste, wenn du weißt was
ich meine.“
„Ja und ob. Ich frag mich oft bei meinen Vorträgen über Kapitalanlagen und Renditen, aus
welcher Quelle das alles in mir herausströmt. Denn häufig berichte ich von Verknüpfung, die
mir vor dem Vortrag selbst nicht bewusst waren.“
„Gut. Dann weißt du, was ich meine. Irgendwas denkt wohl in dir, was mehr weiß, als dir
bewusst ist. Aber jetzt erklär uns noch mal, mit deinen Worten die Felder!“
Henry schließt die Augen und konzentriert sich. „Also, wo soll ich anfangen ... diese
Persönlichkeitsebene, die durch die vier Felder definiert wird ... oder anders, ich beschreib
dir einfach mal die Zustände auf den vier Feldern.“
„Ja, gut, leg los.“
„Also auf dem Männlich Aktiv Positiven (MA+) Feld befinde ich mich, wenn ich der
Bestimmer, der Geber bzw. der aktiv Handelnde bin, der sagt, wo es langgeht. Meine
Umwelt hört auf mich und macht, was ich will.“
„Richtig. Du bekommst Aufmerksamkeit und mehr oder weniger Anerkennung“, ergänzt
David.
„Genau. Und auf dem Weiblich Passiv Positiven Feld (WP+) bin ich derjenige, der die
Anerkennung gibt, der zuhört, annimmt und aufmerksam ist...“, „aber wichtig ist, du musst es
freiwillig, ohne einen Druck machen“, fügt David schnell noch hinzu. „Ja, ja, ich bin ja noch
nicht fertig. Sei nicht so ungeduldig mit mir. Also, auf WP+ zu kommen, kann nur freiwillig
geschehen, durch aufrechte Liebe für das, was ist. Das hätte ich schon noch gesagt.“
Henry schaut David mit einem etwas vorwurfsvollen Blick an, schließlich ist er doch jetzt mal
der „Lehrer“. David bleibt still und Henry doziert weiter: „Diese beiden Felder harmonieren
am besten zusammen und schaffen in den beteiligten Menschen Synergie.“ Henry überlegt,
ob ihm ein besseres Wort für „Synergie“ einfällt, aber im Moment kommt aus der Quelle in
seinem Inneren kein besserer Gedanke hervor. „Der Augenblick ist also am schönsten, wenn
einer Weiblich und der andere Männlich ist.“ „Richtig“, bestätigt David, „wobei sich die beiden
Menschen abwechseln werden. Mal ist der eine Weiblich, mal der andere. Es wird eine
wechselseitige Verbindung sein, wie bei einem guten Gespräch. Mal redet der eine und der
andere hört aufmerksam zu und umgekehrt.“
„Ja. Genau. Wenn ich allerdings mit etwas nicht einverstanden bin und nicht die Möglichkeit
sehe, das Jetzt zu ändern, befinde ich mich automatisch auf dem Weiblich Passiv Negativen
Feld (WP-). Ich grummle in mich hinein und muss die „Kröte schlucken“, die mir vorgesetzt
wird, ob ich will oder nicht. Dieser innere Unmut darüber wird der Antrieb sein, mir so schnell
wie möglich etwas einfallen zu lassen, wie ich diese „Kröte“ wegbekomme, was mich dann
automatisch irgendwann in die Auseinandersetzung mit meiner ungeliebten „Kröte“ in das
Männlich Aktive Negative Feld führt. Hier ringen wir beide, die „Kröte“ und ich, wer jetzt der
Stärkere ist, denn jeder von uns beiden möchte das „Hier & Jetzt“ nach seinen Vorstellungen
bestimmen.“
„Alles sehr richtig erfasst. Und was ist dann in dieser Situation der beste Ausweg aus diesem
Streit?“, David spielt jetzt wieder seine Rolle als abfragender Lehrer.
„Die Kröte bzw. den Frosch zu küssen! Oder anders formuliert, versuchen zu verstehen, wie
der Standpunkt des anderen ist, um auch ihn ehrlich und freiwillig auf WP+ anzuerkennen.
Ist das die korrekte Antwort Herr Lehrer?“
„Sehr gut, Henry. Du hast das Grundprinzip der Persönlichkeitsebene schon nahezu erfasst.
Du siehst, es ist nicht wirklich schwer. Du bist halt mein Meisterschüler.“
David grinst Henry an und dieser weiß wieder mal nicht, ob er sich geehrt fühlen sollte oder
ob sich David ein wenig über ihn lustig macht. Immerhin ist er es, der in seinem
Arbeitsumfeld und seiner Freundin gegenüber, eher den Ton angibt und schnell die
Lehrerposition innehat.
Aber Henry bleibt optimistisch und entschließt sich Davids Aussage als kleines Kompliment
anzunehmen, schließlich hat er es wirklich durch das Erklären besser verstanden, als beim
Lesen vorher. Also wäre das Kompliment dem Fortschritt angemessen und damit
gerechtfertigt.
„Weil du gerade „Frosch“ gesagt hast“, unterbricht David die Gedanken von Henry. „Weißt
du, dass das Wort „Frosch“, wenn du den Konsonantenstamm „F-R-SCH“ in die hebräischen
Zeichen überträgst, die Zeichenkette srp herauskommt und das bedeutet „ausscheiden,
absondern“, sowie „Kot, Exkrement“.“
„Nein, wusste ich nicht . Ich kann kein Hebräisch. Aber bitte fang jetzt nicht an mich noch
mehr zu verwirren. Ich bin gerade dabei zu verstehen. Übertreib`s nicht.“
„Iwo. Wo denkst du hin. Ich wollte dich doch nur auf die dahinterliegende Mär aufmerksam
machen, die das Gleichnis vom „Küssen des Frosches, der sich dann in den Prinzen
verwandelt“ beinhaltet.“
„Und die wäre?“
„Der „Frosch“ symbolisiert das Abgesonderte, das von dir Abgelehnte, sprich dem du auf
WP- gegenüber stehst. In dem Moment, wo du den symbolischen „Frosch“ küsst, also
bildlich liebst und damit gleichzeitig auf WP+ wanderst, führt die freigesetzte Synergie dazu,
dass sich dein Frosch in einen Prinzen verwandelt. Durch Liebe erlöst du das, was du
abstößt.“
„Ich kann das schon nachvollziehen, was du da gerade sagen willst. Aber wie kommst du
denn jetzt noch mal darauf. Wieso hat der „Frosch“ im Märchen etwas mit dem hebräischen
Wort für „absondern“ und „Exkrement“ zu tun?“
„Na ja, ohne jetzt zu sehr vom Buch abzuschweifen, musst du wissen, dass die hebräische
und die deutsche Sprache, oder besser die Worte in den Sprachen, von einem höheren
Standpunkt wie Geschwister, oder eher fast Zwillinge sind. Sie bilden die Hauptschlüssel für
die Mythologien dieser Welt. Mit ihnen kannst du den symbolischen, meist versteckten Sinn
erkennen, der hinter den Bildern, Metaphern, Sprichwörtern und Archetypen liegt. Du musst
nur die Worte in die hebräischen Konsonanten umsetzen und dann nachschauen, was das
Wort auf deutsch heißt. Und natürlich ein bisschen Ahnung von den Zusammenhängen
haben.“
„So, so. Das muss ich jetzt aber nicht wirklich verstehen, was du da gerade gesagt hast?“
Henry betrachtet David mit einem leicht vorwurfsvollen Blick, der schnell erkennen lässt,
dass er mit dem Inhalt des Buches vorerst genug Input hat, während David nur mit den
Augen zwinkert und grinst.
„Wie dem auch sei. Da kenne ich mich nicht aus, daher kann ich dazu wenig sagen. Lass
uns aber bitte beim Thema bleiben. Die Nacht kann noch lang werden, schließlich sind wir
erst am Anfang des Buches.“
Henry nimmt das Buch wieder zur Hand und schaut sich die Zusammenfassung der vier
Felder auf Seite 50 noch mal genauer an.
„Was mich etwas verwundert ist, dass der Autor behauptet, mit diesen vier Feldern die ganze
Verhaltensnatur des Menschen erfassen zu können. Ich hätte gedacht der Mensch ist schon
etwas komplizierter.“
„Ist er und ist er nicht. Wenn du dir zum Beispiel die Mathematik anschaust. Ein Großteil hat
sich nur aus Abziehen (Minus) und Dazuzählen (Plus) entwickelt. Ganz einfach eigentlich
und kann doch fast unendlich komplexe Züge annehmen. So musst du es dir auch mit der
Verhaltensnatur des Menschen vorstellen. Die Schablone liefert die Grundlage, aber in der
Praxis kann es oft ziemlich vielschichtig werden. Aber das wirst du noch sehen, denn, soweit
ich es noch in Erinnerung habe, wird im nächsten Abschnitt genau darauf tiefer
eingegangen.“
Henry wendet sich daraufhin wieder dem Buch zu und beginnt weiterzulesen.