Der Schoepfungsschluessel


„Warte mal, Henry. Meinst du nicht du bräuchtest mal eine größere Pause? Du ratterst das „Warte mal, Henry. Meinst du nicht du bräuchtest mal eine größere Pause? Du ratterst das
so runter, mehr mit der Motivation schnell fertig zu werden, als das Geschriebene zu
verstehen. Das macht keinen Sinn. Du hast alle Zeit der Welt. Es hetzt dich niemand
anderes, außer du selbst.“
Henry schaut ihn an, wie ein Kind, das beim Bonbonnaschen ertappt wurde. 
„Ja, stimmt schon. Ich hab auch im Moment gar keine Lust dir eine weitere Frage zu stellen,
obwohl da noch eine Menge Ungereimtheiten für mich sind“, bekennt er sich.
„Das ist doch völlig in Ordnung. Was hältst du davon, wenn du eine Stunde im Park
gegenüber spazieren gehst und ich koche uns derweilen ein Mittagessen. Ich denke, danach
können wir locker den Rest des Buches weiterstudieren“, schlägt David mit einer
freundlichen Mine vor.
Henry überlegt einen Moment, dann stimmt er zu: „Ich glaube, du hast recht. So machen
wir’s.“
Henry steht auf, zieht seine Schuhe an, bedankt sich noch mal bei David und läuft die
Treppen hinunter, um in den gegenüberliegenden Park zu gelangen. 
 
Er geht eigentlich viel zu selten spazieren, weil er neben seinem Job kaum Zeit dazu findet,
obwohl er es eigentlich sehr angenehm und entspannend findet. 
Er genießt die Natur, die Sonne, die Menschen und alles um ihn herum kommt ihm in diesem
Moment irgendwie besonders harmonisch vor. Er atmet mehrmals tief ein und aus, bis er
sich innerlich wieder etwas aufgelockerter fühlt.
 
‚Es gibt keine Bewegung und was mach ich denn jetzt bitte?’, denkt sich Henry und schaut
auf seine Beine. ,Und keine objektive Zeit ...’ Er beobachte den Sekundenzeiger seiner Uhr
und bemerkt aber im selben Augenblick, dass er immer nur ein Bild mit dem letzten
vergleicht. 
,Natürlich kann ich David nicht das Wasser reichen, schließlich hat er sich seit Jahren mit
diesen Themen auseinander gesetzt und ich hab nur meinen gesunden Menschenverstand.
Der allerdings, wie mir scheint, ihm intellektuell nicht gerade gewachsen ist. Obwohl ich in
der Schule eigentlich schon meistens die besseren Noten hatte ... ein Traum ... soll das
alles ein Traum sein??? ... Die Kinder dort drüben, die im Sandkasten spielen ... sollte ich
sie nur träumen??? Nein, das kann doch nicht sein. Früher hätte ich sofort gesagt, dass
David und der Autor ein paar Räucherstäbchen zu viel inhaliert haben. Die Kinder sind doch
offensichtlich von mir ca. 30 Meter getrennt und haben ihr eigenes Leben. .... Aber was
macht mich da eigentlich so sicher, dass dieser Glauben richtiger ist? ... Keine Ahnung!
Wahrscheinlich letztendlich nur meine Glaube daran.’ 
 
Henry überlegt weiter und fährt sich über das glatt rasierte Kinn: ,Jetzt bin ich mit zwei
Glaubensmodellen konfrontiert: die Traumthese und meine alte Wirklichkeitsvorstellung.
Gut, das was mir David und das Buch über die Bewegung, die objektive Zeit und der
Polarität erzählt haben klingt schon auch logisch und unterstützen natürlich den Gedanken,
dass alles Wahrnehmbare nur Illusion ist und damit eine untere Ebene von einer höheren
Wirklichkeit darstellt. Aber das klingt so upgespaced und verrückt ... das wäre ja wie das
Holodeck* von Raumschiff Enterprise oder wie im Film Matrix ... alles nur eine
Computersimulation???’
* (Anmerk. d. Verf.: das Holodeck ist ein Raum in dem eine virtuelle künstliche Welt erzeugt werden kann, die
dem Betrachter im Raum völlig real erscheint)
 
Henry mag Science Fiction Filme. Star Trek und Matrix findet er besonders attraktiv und
durchdacht. Insgeheim hat es sich jedes mal, wenn ein Mitglied der Star Trek Crew  auf das
Holodeck geht, gewünscht, er hätte auch mal die Möglichkeit, diese Computersimulation zu
benutzen und so alle möglichen geschichtlichen und epochalen Situationen mit zu erleben. 
Aber jetzt, wo das Leben bei ihm anklopft und sagt: „Hallo Henry, ich bin hier, um dir deinen
Wunsch zu erfüllen!“, bekommt er kalte Füße, weil nicht sein kann, was doch nicht sein darf.
 
,Ich meine es wäre schon genial, wenn alles nur ein Traum, oder so etwas ähnliches ist.
David betont ja immer, dass die Wirklichkeit für mich nicht denkbar ist und der Traum oder
die Computersimulation nur eine Metapher sind, um mir eine Vorstellung bezüglich der
höheren Ebene zu geben. Aber wenn das Verhältnis ähnlich ist, würde es ja auch bedeuten,
dass ich nicht sterben kann! Oder seh ich das falsch? Ich kann ja dann nur aufwachen,
oder vielleicht einen neuen Traum träumen, vielleicht unter der Fuchtel einer anderen
Persönlichkeit ... jetzt drück ich mich schon wie David oder der Autor aus und bezeichne
mich selbst so unpersönlich als ,Persönlichkeit’ ... das scheint ansteckend zu sein. 

Aber egal ... außerdem kann mir ja in einem Traum nichts wirklich ernstes passieren, weil ja
alles davon abhängt, ob ich es träume oder nicht! ... Wo gehen eigentlich all die Menschen,
Dinge und Räume hin, die ich in meinem Traum austräume??? Und überhaupt, woher
kommen denn meine Gedanken, die ich ständig denken und mir anschauen muss?  ... Ich
hätte nie gedacht, dass ich mir solche blöden Fragen mal stellen würde? Aber ich hab ehrlich
gesagt keine zufriedenstellende Antwort parat! 
Na klar, David würde sagen, die kommen aus dem Nichts und gehen wieder ins Nichts.
Dann frage ich, als der Tölpel von uns zwei, während er der Weise und Schlaue ist: und was
ist das Nichts??? Und er sagt daraufhin: das Nichts ist Alles, undenkbar, unbeschreibbar und
unvorstellbar. Du kannst es nur selbst sein. Und ich guck darauf hin blöd, weil ich jetzt so
schlau bin wie zuvor. Der Weise glänzt und der Tölpel guckt dumm aus der Wäsche, wenn
ihn der Weise geistig links und rechts irgendwelche Weisheiten um die Ohren knallt. 
Aber scheiß drauf, einer muss eben den Tölpel spielen, auch wenn mir die Rolle überhaupt
nicht gefällt.’ 
 
Henry kramt aus seiner Tasche einen Pfefferminzbonbon hervor, spricht laut zu sich selbst:
„Du bist zwar, nach David, nur eine Illusion, aber du schmeckst trotzdem!“, und steckt ihn
sich in den Mund.
 
,Und warum denken dann alle, im Prinzip so wie ich?’, hört er sich nach einigen Schritt
wieder denken. 
,Na klar, David würde jetzt sagen: weil alles auf deinem Glauben aufbaut und die Menschen
so sind, wie du tief in dir glaubst, dass sie sind. 
Was soll man gegen diese Behauptung sagen. Mit Traum und Glaube kann ich ja alles
erklären. ... Gut, andererseits, wenn etwas alles erklärt, dann könnte auch an der Erklärung
etwas dran sein ... aber erklärt die Vermutung, dass mein Glaube die Welt aufbaut und alles
nur ein Traum ist, alles? Ich weiß ja gar nicht, an was ich alles glaube. Es scheint schon
wesentlich komplexer zu sein, als es auf den ersten Eindruck aussieht.’
 
Henry hebt einen Kieselstein vom Boden auf und lässt ihn wieder fallen.
,Ist die Schwerkraft eine objektive Realität, oder ist sie nur da, weil ich es tief in meinem
Innersten glaube? In meinem Traum fallen die Sachen auch nach unten und ich bewege
mich genauso wie jetzt. Aber in meinem Traum gibt es keine objektive Schwerkraft! Sondern
nur irgendeine Kraft in mir, die mich zwingt daran zu glauben und die mir diese Bilder
einspielt...’
 
Henry hört plötzlich im Hintergrund ein Auto stark bremsen. 
,Gibt es das Auto auch, wenn ich mich nicht umdrehe? Und sehe ich das Auto, wenn ich
mich jetzt umdrehe, auch nur deshalb, weil ich fest daran glaube und dadurch irgendeine
Schöpferkraft in mir daraufhin ein Bild von einem Auto, das gerade stark gebremst hat,
erschafft? ... Was für wirre Fragen ... kein Wunder, dass viele große Denker Exzentriker
sind. 
Hätte mir jemand solche Fragen vorletzte Woche gestellt, dann hätte ich ihm wahrscheinlich
den Weg ins Nervenkrankenhaus empfohlen und jetzt diskutiere ich mit mir selber darüber.
Mann oh Mann. Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll. ... Unglaublich das alles. 
 
...Aber wenigstens ist die Schöpfungsschablone echt gut. Sie kann sehr hilfreich sein, wenn
ich es schaffe, mich zu durchschauen. Eigentlich wollte ich nur die Felder etwas besser
verstehen und stattdessen bekomm ich von David eine komplette Reinigung und Erneuerung
meines Weltbildes. Ich weiß nur noch nicht, ob ich mein altes hergeben will? ... Gut im
direkten Vergleich ist der Traum natürlich um Welten besser, als die Vorstellung in einer
fremden Welt getrennt zu sein. Aber als ein Traumtänzer will ich ja auch nicht gelten, der
sich in irgendwelche Gedankenspinnereien verstrickt hat. 
Ich will schließlich nur an das Richtige glauben! Aber was ist das Richtige???’
 

Das Klingeln von seinem Handy unterbricht den Gedankenstrom von Henry. Sofort greift er
mechanisch in die Tasche, zieht es hervor, schaut auf das Display, drückt auf den Knopf und
sagt mit einer eher gedämpft, begeisterten Stimme: „Hallo Constance!“
„Hallo Henry. Sorry, ich wollte gestern nicht unhöflich sein. Ich hab mich nur auf dich noch so
gefreut“, ertönt es freundlich - lieblich aus dem Hörer. 
„Kein Problem. Schon alles in Ordnung.“
„Wo bist du gerade?“
„Ich mache einen Spaziergang im Park.“
„Oh, stör ich dich gerade bei einem Geschäftstermin?“
„Nein, ich bin noch bei David in St. Gallen und mache gerade eine kleine Pause.“
„Wie??? Du bist noch bei dem Spinner? Hast du bei ihm übernachtet? Ich dachte du musst
heute arbeiten?“
„Ja, schon, aber ich bin heute nicht zur Arbeit gegangen. Wir haben gestern das Buch nicht
bis zum Schluss geschafft. Und übrigens, David ist kein Spinner!“, hört sich Henry
verteidigen. Und in Gedanken denkt er sich: ,Wenn einer David als Spinner bezeichnet, dann
höchstens ich, aber kein anderer!’ 
„Ja, ist ja gut. Ich kenn ihn ja nicht. Aber ich hab auch kein Verlangen ihn besser kennen zu
lernen. 
Das scheint aber ein mächtig interessantes Buch zu sein, dass du deswegen bei
irgendwelchen Leuten, von denen du nie groß erzählt hast, übernachtest und am nächsten
Tag nicht auf deine heißgeliebte Arbeit gehst“, bemerkt Constance etwas irritiert.
„Ja, schon irgendwie. Aber ich muss erst noch meine eigenen Recherchen dazu machen,
bevor ich mehr sagen kann“, sagt Henry mit immer leiser werdender Stimme
 
Er wirkt einen Moment in seinen Gedanken verloren, bis er schließlich Constance fragt: 
„Was glaubst du, woher deine Gedanken kommen?“
„Na aus meinem Kopf!“, antwortet Constance spontan.
„Und deine Träume?“
„Na auch aus meinem Kopf, oder vielleicht besser Gehirn!“
„Langt dir das schon als Antwort aus, auf so eine essentielle Frage?“, will Henry genauer
wissen.
„Na klar. Warum nicht. Ich denke, das langt. Wie das genau funktioniert ist mir egal.“
„Meinst du wirklich, dass aus Materie so etwas komplexes wie Träume und Gedanken
entstehen können?“
„Henry, was soll denn das? Du kommst mir so anders vor. Hast du irgendwelche Drogen
genommen?“, versucht Constance abzulenken.
„Was ist denn an der Frage so komisch, dass man deswegen gleich Drogen genommen
haben muss?“, reagiert Henry gereizter.
„Ähh... so meinte ich das auch nicht. Natürlich ist die Frage legitim, aber ich sag dir gleich,
die führt eh zu nichts. Du wirst dich im Kreis drehen. Sag mir lieber, wann du heute Abend
vorbei kommst?“
„Das weiß ich noch nicht. Ich muss mal sehen, wie ich drauf bin. Schließlich will ich dich
nicht mit irgendwelchem philosophischem Blabla nerven.“
„Ja, gut. Du hast recht. Melde dich, wenn du Lust hast. Aber lass mich nicht zu lange
warten.. Ich hab da in der Stadt nämlich ein neues Geschäft gesehen. Das musst du dir
unbedingt anschauen. Ganz schick mit tollen Sachen und die Räumlichkeiten sind mit dem
neuesten Design ausgestattet. Aber lass dich überraschen.“
„Ja, mach ich. Bis bald dann“, seufzt Henry innerlich und versucht aber gleichzeitig möglichst
freundlich zu bleiben. 
„Bis bald“, ertönt es lieblich von der anderen Leitung. 
 
Er klappt das Handy wieder zusammen und steckt es weg. Noch nie ist ihm die
Oberflächlichkeit seines Lebens so deutlich bewusst gewesen wie es ihm in diesem Moment
seine Freundin Constance widergespiegelt hat.
,Wenn jetzt auch noch mein Interesse an meinem Job schwindet, dann kann ich mich gleich
neu erfinden und das mit fast 40’, denkt sich Henry mit einem schmunzelnden und einem
weinenden Auge und spaziert langsam wieder zurück in Richtung Davids Wohnung.
 
Als er die Tür öffnet, kommt ihm ein frischer leckerer Essensgeruch entgegen. David hat
zwei Rindersteaks aufgetaut und gebraten. Dazu hat er frisches Gemüse, Kartoffeln und eine
besondere Kräutersauce gezaubert.
„Und geht es dir wieder etwas besser?“, ertönt es aus der Küche.
„Ja, geht schon so. Für den Rest des Buches müsste der Akku wieder aufgeladen sein“, gibt
Henry sich hoffnungsvoll.
David kommt für einen Moment aus der Küche hervor, legt seine beiden Armen auf Henrys
Schultern und sagt: „Henry, es gibt gar keinen Grund dass du dich unwohl, manipuliert oder
ängstlich fühlen musst. Keiner tut dir was. Alles ist gut. Betrachte unsere Gespräche doch als
eine Erweiterung deines Horizontes. Sie tragen dazu bei, dass du dich noch mehr
vervollständigst. Du verlierst nichts, was du nicht freiwillig hergeben möchtest. 
Und jetzt essen wir erst mal etwas und danach machen wir ganz entspannt weiter. O.k.?“
„Gut. Das klingt gut“, bestätigt Henry.
 
Nachdem David wieder in der Küche verschwunden ist, setzt sich Henry an den Esstisch,
schaut zum Fenster hinaus und merkt, wie in ihm plötzlich Ruhe, Entspannung und
Leichtigkeit aufkommt. Er blickt auf das Buch und merkt, wie er wieder Lust bekommt,
weiterzulesen.