Der Schoepfungsschluessel


Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens bemerkt Henry, etwas enttäuscht aber
selbstehrlich:

„Also, wenn ich ehrlich bin und spontan entscheiden müsste, würde ich den Lottogewinn
vorziehen. Dann scheine ich wohl doch kein richtiger Sucher zu sein.“
„Warum? Das macht doch noch nichts! Du musst dich doch nicht in einer Nacht vom
Saulus zum Paulus bekehren! Alles im Leben wächst und hat seine Zeit. Wie intelligent
wäre es, zu einem Kind zu sagen, nur weil du dich noch für Playmobil oder Puppen
interessierst, wirst du nie ein Erwachsener! Viel sinnvoller ist es, dem Kind klar zu machen,
das es sich, entsprechend seiner Reife, ausleben darf und sich nicht größer machen
muss, als es im Moment ist. 
Oder wie albern ist es, wenn das Kind enttäuscht ist, weil es noch ein Kind ist. Aus jedem
Kind wird irgendwann, wenn sich alles normal entwickelt, ein erwachsener Mensch. Und bis
dorthin darf es jede Phase seines Lebens genießen, weil jede Zeit seinen eigenen Reiz hat.
Das geistige Wachstum kannst du analog zum Körperlichen betrachten. 
Von Geld zu GOTT lautet der Weg, den der Mensch Schritt für Schritt gehen darf. Dabei ist
nicht entscheidend, wieviel Geld einer besitzt, sondern nur, wem er mehr Macht in
seinem Leben zuspricht, Geld oder GOTT, das ist hier die Frage!
Es ist aber auch keine Schande, seine Priorität eher auf Geld und die Dinge, die man damit
kaufen kann, zu legen, als auf GOTT, den man als Ganzes weder sehen, noch anfassen
kann, sondern nur glauben kann. Es ist lediglich eine Frage der seelisch-geistigen Reife
eines Menschen.
Je mehr Macht du Geld zusprichst, desto größer werden deine Ängste gegenüber der
Welt. Und je mehr echtes Vertrauen du GOTT entgegen bringst, desto glückseliger
wirst du dich fühlen. 
Es ist dein Leben! Du darfst entscheiden, weil du alleine dafür verantwortlich bist!“
 
Henry hört aufmerksam zu und lässt die letzten Worte von David noch einige Momente auf
sich wirken, dann sagt er:
„Ich denke, das mit den Ängsten stimmt! Wenn ich mir die Menschen in meinem Bankumfeld
so anschaue, trifft das auf ziemlich viele zu. Vielleicht hätte ich mir doch den einen oder
anderen Spruch von dir aufschreiben sollen. Sie wären eine schöne Ergänzung zu dem
Buch.“
„Ich kann sie dir bei Gelegenheit diktieren, oder du kannst sie dir auch mit meinem nächsten
Kalender an die Wand hängen“, scherzt David.
„Ja, bitte, reservier mir einen. Aber nur mit persönlicher Widmung“, kontert Henry.
 
„Übrigens das mit ,den zwei Wegen zur Erleuchtung’ hab ich auch nicht ganz verstanden.
Wenn ich ehrlich bin wirkt die Erklärung ziemlich durcheinander und etwas wirr. Vielleicht
mag der Autor seine Worte nachvollziehen, aber ich kann es nicht. 
Was ist denn Erleuchtung überhaupt?“
 
David schaut Henry mit einem tiefen Schnaufer an, sinniert einen Augenblick und gibt ihm
folgenden Vergleich:
„Wie erklärst du jemanden, der keine Geschmacksnerven besitzt, den Geschmack von süß
und salzig?“.
„Das ist wohl kaum möglich. 
Willst du jetzt sagen, dass ich der ohne Geschmacksnerven bin und jeder Erklärungsversuch
daher hinfällig ist?“
„Nicht ganz. Ich will dir nur die Schwierigkeit vor Augen führen, jemanden Erleuchtung zu
erklären, der nicht erleuchtet ist.“ 
David überlegt noch einen Moment, dann sagt er: „Das, was man in der Mystik und den
Religionen mit Erleuchtung oder wirklichem Erwachen oder Auferstehung bezeichnet, ist
größer, besser, schöner als alles, was du kennst oder besitzt, einschließlich ,deiner
Vorstellung von deiner Persönlichkeit’. Das sollte genügen. Es soll ja auch eine kleine bzw.
große Überraschung sein. 
Aber einen Tipp hab ich noch: Suche nicht aus der Motivation nach Belohnung, sonst
wirst du vergebens suchen. Von daher schützt sich ,Erleuchtung’ selbst vor Egoismus!“ 
 
„Bist du ein Erleuchteter?“, fragt Henry mit einem Hauch von Ehrfurcht in der Stimme.
„Ich? Nein, ich bin nur ein Narr, der sich selbst zuhört und beobachtet, was alles für
Gedanken in seinem Kopf kreisen.“
„Du weichst aus!“, versucht ihn Henry zu stellen.
„Ganz wie du meinst, aber es ist näher an der Wahrheit als du glaubst“, bestätigt David.
Henry schaut ihn mit dem Blick eines Kommissars beim Verhör an und behauptet dann:
„Du verheimlichst doch etwas!?“
„Nichts, was ich dir nicht sagen würde, wenn du es verstehen würdest“, gibt David offen zu
und fügt noch hinterher: „Es gibt keine Geheimnisse in der Schöpfung, außer du machst
welche daraus. Warum sollte GOTT bewusst etwas verheimlichen, wenn die Reife beim
Menschen da wäre, zu verstehen? Warum sollte ein liebender Vater seinem Kind bewusst
etwas verheimlichen, wenn es schon verstehen könnte, warum die Dinge so sind, wie sie
sind? Die ganzen Geheimniskrämer wissen nicht wirklich. Sie versuchen nur ihre
Persönlichkeit auf den Sockel des mystisch Geheimen zu erheben, damit sie vor den
anderen Egos besser glänzen. 
Was man allerdings nicht verwechseln darf, mit der Tatsache: einer noch stark in der
Persönlichkeit (Ego) verhafteten Seele, alles zu erzählen. Weil sie das Prinzip der Liebe
ohne Kaufmannsdenken missverstehen könnte und sich nur selbst mit ihrem Egoismus
hinters Licht führen würde. Sie würde versuchen zu lieben, aber nur unter der Bedingung,
etwas dafür zu bekommen. Und sei es so etwas abstraktes wie Erleuchtung. Aber so
funktioniert es nicht. Sie wird langfristig keinen großen Erfolg haben und am Ende sagen: ,So
ein Scheiß, das mit dem Lieben und Loslassen funktioniert nicht!’ Damit wird später der Weg
der Selbstlosigkeit für sie noch schwerer zu gehen, weil sie ja schon mal, aufgrund ihrer
Unreife, eine negative Erfahrung gemacht hat. Hier ist es manchmal besser, nichts weiter zu
erzählen, um den Menschen selbst vor seinem egoistischen Wollen zu schützen. Er soll es
lieber erst ausleben und wenn er damit Schiffbruch erlitten hat, ist er sowieso viel zahmer
und Aufnahmefähiger.“
 
Henry nickt und spürt momentan in sich keine Motivation weitere Fragen in bezug auf David
oder zum Thema ,Erleuchtung’ zu stellen. 
Als David dies merkt, ergänzt er noch kurz:
„Wenn du jetzt weiter liest, dann kommen drei kleine Geschichten, die dir das Gefühl eines
Erleuchteten, im Verhältnis zu einem normalen Menschen, vermitteln können. 
Schade, dass sie so kurz hintereinander folgen. Wahrscheinlich rauscht du jetzt drüber, um
möglichst schnell fertig zu werden, was ich ja verstehen kann. Aber besser wäre es, du
würdest dir für jede einzelne Geschichte mehr Zeit nehmen und in das Gefühl richtig bewusst
eintauchen. So kannst du den inneren Wert des Erleuchtungszustandes besser fassen und
viel leichter hochrechnen.“