„Warte noch einen Augenblick, bevor du den Anhang anschaust. Hast du das mit der Angst
verstanden? Das ist wichtig! Ich finde der Autor erklärt es etwas umständlicher als es in
Wirklichkeit ist“, unterbricht David und legt seine Hand auf das Buch.
Henry schaut ihn an, überlegt einen Moment und sagt: „Ich denke schon, dass ich ungefähr
nachvollziehen kann, was der Autor damit sagen will. Aber erzähl es mir doch bitte noch mal
mit deinen Worten.“
„O.k. Es ist so, dass Angst und Sorge nur eine Illusion sind, die du selbst in dir
konstruierst, weil du dir eine fiktive Zukunft ausdenkst und daran glaubst. Du bekommst
Informationen, rechnest sie mit deiner Logik in eine Zukunft hoch, glaubst daran, dass es für
dich einen Nachteil gibt und bekommst Angst. Im Hier und Jetzt kannst du gar keine Angst
haben! Versuch es! Versuch dich zu ängstigen, ohne in eine Zukunft abzugleiten!“
Henry überlegt und denkt sich: ,Angst, ..., bei was fühle ich mich unwohl ... wenn ich mit
meiner Freundin einkaufen gehen muss ... o.k. ganz klar Zukunft ... wenn der nächste
Bankencrash ansteht und ich viel Geld verlieren könnte... auch Zukunft ... dass mir einer
einen Kratzer in meinen Mercedes gemacht hat, weil das Auto die ganze Zeit auf einem
öffentlichen Parkplatz steht ... Zukunft, nicht hier und jetzt ... dass ich in den nächsten
Tagen diesen Tag nacharbeiten muss ... Zukunft, keine Frage ... das ich vieles von dem
Gesagten in dem Buch vergesse ... auch Zukunft ... alles dreht sich tatsächlich um die
Zukunft oder um ein woanders...
...kann ich eigentlich hier & jetzt Angst haben ... nein, das geht nicht, ich wüsste nicht
wie??? ... Das ist ja hoch interessant!!!!’
„Stimmt David! Hier und Jetzt gibt es keine Angst. Es geht gar nicht. Ich bin es gerade in
Gedanken durchgegangen. Und immer, wenn ich mich unwohl fühle, bin ich in einer selbst
erzeugten Zukunft. Das finde ich ja hoch spannend!“
„Richtig! Und jetzt überleg mal. Was bedeutet das, wenn es immer nur das Hier und Jetzt
gibt, egal wann du, wo bist. Du musst sogar immer Jetzt und Hier sein! Du kommst gar
nicht heraus!“
„Ich glaube, ich fange an zu verstehen. Das würde bedeuten, dass jeder Mensch ein
komplett angst- und sorgenfreies Leben führen könnte! Er müsste sich nur in dem Moment,
wo Angst in ihm hochkommt, das, was hier und jetzt ist, vergegenwärtigen und schon ist die
Angst verschwunden! Das ist genial!“
„Vollkommen richtig! Ich finde der große Programmierer hat die Schöpfung sehr fair
programmiert! Du darfst Angst haben, musst aber nicht!“
„Stimmt, das ist fair,“ bestätigt Henry mit einem verstehenden Lächeln im Gesicht.
„Der Vergleich mit dem Wecker ist sehr treffend. Betrachte das Angstgefühl, als einen
Wecker, der dich in dem Moment aufwecken will, wenn du dir wieder eine selbst konstruierte
Zukunft ausrechnest und ach so fest daran glaubst. Er stellt sich automatisch wieder ab,
wenn du dich ins Hier & Jetzt zurückziehst!
Der normale Mensch dagegen lässt den Wecker klingeln und beschwert sich über den
permanenten Lärm in seinem Inneren. Rennt von Therapeut zu Therapeut, um sich helfen
zu lassen, dabei wäre alles relativ einfach. Es ist zwar am Anfang Disziplin, Geduld und
Selbstbeobachtung nötig, aber der Erfolg ist immer sofort zu spüren.
Soviel zum Thema Angst und Sorgen!“, schließt David seine kleine Kurzzusammenfassung
des letzten Kapitels ab und trinkt einen Schluck Saft, während Henry noch fasziniert vor sich
hinsinniert.
Nach einer kleinen Weile beginnt David als erster zu fragen:
„Und Henry? Wir sind jetzt eigentlich so gut wie fertig mit dem Buch. Wie fühlst du dich?“
„Wie zweimal durch den Fleischwolf gedreht und neu zusammengesetzt. Genügt dir das?“
„Oh, das klingt nicht gerade angenehm.
Aber du musst wissen, jeder Phönix muss erst verbrennen und zu Asche werden, bevor er
wieder neu geboren werden kann. Das Alte wird meist nur unter Schmerzen losgelassen,
aber es ist unumgänglich, weil sonst das Neue keinen Platz hat. Eine große Tugend besitzt
der, der freiwillig loslassen kann!“
„Herzlichen Glückwunsch, David. Du hast jetzt drei Glückskeksweisheiten perfekt in einem
Abschnitt verpackt. Weiter so. Irgendwann kommst du damit ins Guinness-Buch der
Rekorde.“
„Ich werde mich bemühen. Du inspirierst mich geradezu. Vielleicht sollten wir uns öfter
treffen.
Aber wie sieht es aus, hast du jetzt noch Lust ein paar Beispiele aus der Mystik in bezug auf
die Harmonieschablone im Anhang zu lesen?“, fragt David mit einem leichten Grinsen im
Gesicht.
„Wenn ich ehrlich bin: nein. Ich fühle mich bis oben hin voll mit neuem Wissen und
Sichtweisen, dass ich wahrscheinlich sowieso kaum mehr etwas aufnehmen kann“, gibt
Henry zu.
„Das dachte ich mir schon. Du kannst ja das Buch wieder mitnehmen und jederzeit alles
noch mal nachlesen.“
„Danke. Und überhaupt danke ich dir für die Zeit, die Energie, sowie für Kost und Logis. Ich
fühl mich zwar noch nicht wie neu geboren, aber irgendwas hat sich in den letzten zwei
Tagen, die mir übrigens wie eine Ewigkeit vorkommen, verändert. Ich kann dir aber noch
nicht sagen, was es ist. Mir ist es nur im letzten Gespräch mit Constance aufgefallen, dass
irgendwas anders ist. Ein anderes Gefühl von Wichtigkeit vielleicht. Ich weiß es nicht.
Es war auf alle Fälle sehr schön, aber auch extrem anstrengend für mich. So wie eine harte
Bergtour, auf der man sich hundertmal denkt ,warum tu ich mir den Stress an?’, aber am
Ende völlig fertig zugibt, dass es doch die Reise wert war.
Sag mal, wie kann ich mich denn bei dir revanchieren?“, fragt Henry mit echter Dankbarkeit
in den Augen.
„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen;
so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“,
antwortet David mit ernster Mine.
Henry schluckt, wird ruhig und bekommt einen etwas ängstlichen Gesichtsausdruck. Er wagt
es aber nicht, vor lauter Irritation, irgendwas zu sagen.
„Das ist aus der Bibel, Matthäus Kapitel 19 Vers 21“, lüftet David das Geheimnis und grinst
über beide Ohren. „War doch nur Spaß, Henry! Nur ein kleiner Witz von mir. Du musst doch
nicht gleich auf WP- wandern und dich schlecht fühlen.
Hast du dir wohl gerade wieder eine fiktive Zukunft ausgerechnet? Sonst könntest du dich
doch gar nicht schlecht fühlen!“
David lacht und auch Henry wird wieder etwas lockerer und schmunzelt mit.
„Ich glaube, so weit bin ich noch nicht. Da muss ich schon noch innerlich gewaltig wachsen,
bis ich all meinen Besitz loslassen kann“, erkennt Henry.
„Das macht gar nichts. Du hast alle Zeit der Welt. Du wächst von alleine. Nur bleib geistig
in Bewegung. Schau dir so viele Sichtweisen an, wie es dir möglich ist. Dabei ist egal,
um welche es sich handelt, oder aus welcher Religion, Philosophie, Mythologie oder
Wissenschaft sie kommt. Hauptsache ist, du bleibst nicht an einem bestimmten
einseitigen Standpunkt kleben und bist dir bewusst, dass sie alle ihren
Gültigkeitsbereich besitzen. Wie klein oder groß der auch immer sein mag. Für die
große Synthese sind alle Facetten aller Polaritäten nötig!
Ich weiß, in diesem Buch und unseren Gesprächen sind so viele neue Informationen auf dich
eingeströmt, dass du halb ertrunken bist. Aber wenn du dich wieder gesammelt hast, dann
behalte in Erinnerung: die Schablone hilft dir, dich leichter zu beobachten und
wirkliches Selbstbewusstsein über deine Mechanismen zu bekommen.
Auf der letzten Seite findest du eine knappe Übersicht der Felder. Sie kann dir als Hilfe am
Anfang dienen, bis du dich spielerisch und mit Humor immer mehr automatisch selbst
durchschaust.
Beobachte dich wertfrei, das ist der Weg in ein höheres Bewusstsein!
Viel Spaß!“
Henry nickt und sagt: „Ich hoffe, dass ich ihn haben werde, aber garantieren kann ich es
nicht. Ich will mal schauen wie sich alles entwickelt. Schritt für Schritt.
Ach und bevor ich es vergesse. Du sagtest doch, dass es noch einen zweiten Band gibt,
oder?“
„Ja, den gibt es. Darin geht es um das Innere Netz. Wir haben uns ja bloß über das Äußere
Netz unterhalten“, bestätigt David.
„Gut. Ich lass das alles erst mal auf mich wirken und versuche es nachzuvollziehen und zu
überprüfen, soweit es geht. Und sollte ich dann noch Lust haben, wäre meine Frage, ob du
mit mir den 2. Band möglicherweise auch noch zusammen durchgehen würdest?“
„Ja gern, wenn du willst. Das liegt ganz bei dir!“, willigt David ein und lächelt Henry
freundschaftlich an.
„Gut, dann melde ich mich diesbezüglich bei dir. Danke!“