„Kannst du das nachvollziehen?“, unterbricht David den Lesefluss von Henry. „Kannst du das nachvollziehen?“, unterbricht David den Lesefluss von Henry.
„Ja, ich denke schon.“
„Das ist wichtig für das Gesamtverständnis, wie das Leben funktioniert!“
„Wie meinst du das denn genau?“ Lieber einmal mehr fragen als einmal zuwenig, denkt sich
Henry.
„Der einfache Mensch versucht ständig gegen alles mögliche anzukämpfen, weil er eine
bestimmte Vorstellung von den Dingen, wie sie sein müssten, in sich konstruiert hat. Er
kommt vor lauter Selbstverliebtheit in seine Meinung über die Welt, gar nicht auf den
Gedanken, sie zu hinterfragen. Dadurch springt automatisch sein Kampfprogramm auf MA-
an, wenn etwas nicht so läuft, wie er es sich vorstellt, obwohl er doch gar nicht weiß, wofür
das gut sein könnte. Wer kann schon in die Zukunft blicken?“
„Ich kann mir vorstellen, wie es weitergeht. Nach dem Gesetz des negativen Kreislaufs wird
er dann immer wieder eine ähnliche Situation vorgesetzt bekommen, bis er sie annimmt“,
ergänzt Henry.
„Richtig, aber wichtig ist, dass er es freiwillig und ehrlich und nicht mit dem Hintergrund des
Kaufmannsdenkens annimmt wie z.B.: wenn ich es akzeptiere, dann verschwindet es. Denn
dann will ich es ja in Wirklichkeit weghaben und versuche nur einen anderen Trick im Kampf
anzuwenden.“
„Ja, stimmt.“ Henry überlegt einen Moment und resümiert: „Das ist ein geniales
Sicherheitsprogramm. Dann kann ich hierbei gar nicht manipulieren.“
„Richtig! Liebe oder lande im ewigen Kreislauf ist die harte aber gleichzeitig auch zarte
Devise der Schöpfung!“
„Da fällt mir spontan ein Beispiel ein. Willst du es hören?“ Henry ist sich nicht sicher, ob
David noch Beispiele hören möchte, oder ob das alles für ihn schon zu einer Art Gesetz
geworden ist, von dem man keine Beweise mehr benötigt, so überzeugt wie er ihm erscheint.
Schließlich ist es auch unspektakulär zu sagen: ,ja das Gesetz der Schwerkraft, jetzt wo du
es erwähnst, das stimmt, ich habe letzte Woche auch etwas losgelassen und tatsächlich, es
ist nach unten gefallen... ’
„Aber klar, schieß los!“, fordert David Henry auf.
„Gut. Als ich mein Penthausappartment in London hatte, bekam ich eine Nachbarin, die
immer ihren Müll vor die Tür in den Flur stellte und manchmal mehrere Tage lang liegen lies,
bis er fast das ganze Treppenhaus mit einem ganz leichten Müllgeruch überzog. Unsere
Türen lagen knapp 2 1/2 Meter auseinander. Ich selbst bin etwas empfindlich gegen Gestank.
Man könnte es als eines meiner Feindbilder betrachten. Ich war also der Hauptleidtragende
von diesem Geruch. Am Anfang sagte ich noch nichts und machte gute Mine zum, für mich,
bösen Spiel. Ich grüßte höflich und hoffte insgeheim, dass sie den Müll irgendwann gleich
entsorgen würde. Ich saß also exakt auf WP-. Eines Tages, als ich abends von der Arbeit
kam, roch ich schon diesen leichten Windelgeruch am Anfang des Treppenhauses. Wer
nicht wusste was es ist, hätte es wahrscheinlich nicht unbedingt bemerkt, weil keiner weiter
in der obersten Etage wohnte. Mit jeder Etage wurde der Geruch für mich intensiver und als
ich vor meiner Tür stand, zählte ich zwei Mülltüten, ausgestattet mit den Exkrementen ihrer
Tochter.
Ich merkte wie mein Puls nach oben ging und ich kurz davor war zu klingen und auf MA- in
den Kampfmodus zu wechseln. Aber ich beherrschte mich und verschwand schnell hinter
meiner Wohnungstür. Meine Freundin, die mit einem etwas robusteren Riechorgan
ausgestatten war, begrüßte mich mit dem Kommentar, dass meine Nachbarn sich den Müll
wohl an der Haustür abholen lassen. Was meine innere Anspannung nur noch nährte.
Irgendwas musste geschehen. Schlau, wie ich mich glaubte, wusste ich dass man die
Menschen am besten mit Geschenken manipulieren kann. Also bin ich zu meinem
Weinschrank, habe einen mittelguten Wein ausgesucht, für einen guten Wein war ich einfach
zu wütend und klingelte bei den Nachbarn. Sie öffnete und begrüßte mich freundlich. Wir
wechselten ein paar nette Nachbarschaftsworte, bis ich ihr den Wein überreichte mit der
Bitte, den Müll nicht mehr vor der Haustür stehen zu lassen. Sie schaute etwas irritiert,
entschuldigte sich dann und schickte ihren Mann gleich los, um den Müll hinunterzubringen.
Zufrieden kehrte ich in meine Wohnung zurück, dachte bei mir: mit Charme und Geschick
gelöst, sehr gut Henry.“
„Dein Wein war nur ein Mittel im Kampf, damit deine Vorstellung, von einem müllfreien
Hausflur in der nächsten Zeit dominiert. Dir ging es nicht darum den anderen einen Gefallen
zu tun. Und nachdem deine Nachbarn den Müll beseitigt haben, also deinem Willen
gehorchten und du damit wieder auf das MA+ Feld gezogen bist, hast du dich wieder
entspannt und ruhig gefühlt“, unterbricht David.
„Absolut richtig. Mit der Schablone verstehe ich jetzt die ganze Situation noch viel besser,
aber die Geschichte geht noch weiter.“
„Na dann lass dich nicht aufhalten und erzähl.“
„Der saubere Hausflur hielt ein oder zwei Wochen an, bis wieder die ersten Mülltüten vor
ihrer Haustür standen. Am Anfang war ihre Aufenthaltszeit zwar nicht so lang, das heißt
seltener über Nacht, doch mit der Zeit war wieder der alte Zustand eingekehrt und ich hab`s
mir wieder auf dem WP- Feld bequem gemacht. Meine Freundin und ich wir wetteten schon
wieviel Tage der Müll wohl vor unserer Haustür steht und ob unsere Nachbarn vielleicht
hofften, dass er mit der Zeit und der Evolution selbständig den Weg zur Mülltonne finden
würde.“
„Das Spotten und der Humor war für euch ein Mittel, um indirekt Dampf und inneren Unmut
loszuwerden. Es ist wie wenn man kurz mal das Überdruckventil öffnet. Ein kurzer Moment
auf dem MA- Feld“, kommentiert David.
„Ja, so hat es sich angefühlt. Also, ich hätte mich auch bei der Hausverwaltung beschweren
können, aber ich bin kein Denunziant, so versuchte ich mich irgendwie mit der Situation zu
arrangieren. Im Extremfall ab der vierten Etage Luft anhalten. Zum Glück war unsere Tür
nahezu luftdicht.
Eines Tages luden wir Gäste ein und alle sprachen uns auf unsere Müll-Nachbarn an, die
vielleicht ihren Fisch- und Fleischeinkauf seit einigen Tagen vor der Haustür vergessen
hatten. Einer meinte sogar, wenn er das gewusst hätte, dann hätte er uns eine Duftkerze,
einen Lavendelsack und ein paar Dosen Raumspray mitgebracht, anstatt den Champagner.
Ich lächelte zwar, während alle anderen am Tisch lachten, aber innerlich kochte ich vor Ärger
über den Müll. Irgendwann, nach dem fünften oder sechsten Witz darüber, stand ich auf,
klingelte bei den Nachbarn und war wahrscheinlich so unhöflich gewesen, dass am nächsten
Tag die Flasche Rotwein wieder vor unserer Tür stand, in Begleitung einer weitere Mülltüte.“
„Und täglich grüßt das Murmeltier!“, wirft David ein.
„Genau. Ich stand wieder am Anfang, nur hat sich unser Nachbarschaftsverhältnis merklich
verschlechtert. Doch dann kam mir eine Art Eingebung. Ich gehe doch sowieso an den
Mülltonnen vorbei. Warum nehme ich denn den Müll nicht einfach mit? Bevor ich mich jedes
Mal ärgere. Also nahm ich ein Taschentuch, Daumen und Zeigefinger und trug mit möglichst
gestrecktem Arm den Müll hinunter.“
„Auch hier befindest du dich noch im Kampffeld. Du arbeitest, wie gehabt, für deine
Vorstellung von ,wie es richtig zu sein hat’! Ein ständiger negativer Kreislauf hat sich
entwickelt“, fügt David noch ein.
„Korrekt. Das weiß ich jetzt auch. Also, die ersten Male grummelte ich noch innerlich auf dem
Weg hinunter zur Mülltonne, bis ich immer mehr Verständnis für unsere Nachbarn aufbringen
konnte. Ich sagte mir, dass mit einem Kleinkind andere Prioritäten gesetzt werden müssen,
als den Müll rechtzeitig runterzubringen und oft war tagelang nur die Frau alleine zu Hause,
weil ihr Mann außerhalb Londons gearbeitet hat. Schließlich hatte das Haus keinen Aufzug
und der Weg war schon weit, bis zu den Mülltonnen. Und schließlich können sie für mein
sensibles Riechorgan nichts. Kurzum, irgendwann war ich an dem Punkt, wo es mir
gleichgültig war, ob ich die nächsten zehn Jahre noch einen Teil ihres Mülls entsorge oder
nicht. Ich machte es einfach ohne inneres Gemecker, oder irgendwelche Vorwürfe. Ich war
nicht mehr auf unsere Nachbarn sauer wegen des Mülls, sondern hatte irgendwie
Verständnis für ihre Situation. Schließlich haben sie ihre Gründe warum sie so und so
handeln.
Eines Tages, beim Weg auf die Arbeit, fiel mir auf, dass ich seit einigen Tagen schon keinen
Müllsack mehr nach unten trug. Es war weg. Meine Nachbarn waren noch da, aber sie
stellten ihren Müll nicht mehr vor die Tür. Irgendwo war ich angenehm überrascht, aber auch
gleichgültig. Ich erfuhr von meiner Freundin, dass eine andere Nachbarin in dem Haus
mitbekommen hatte, wie ich den fremden Müll entsorgen muss und hat dies scheinbar dem
Hausverwalter erzählt, der daraufhin einen Brief an unsere Nachbarn geschrieben haben
muss. Genau weiß ich es nicht, es interessiert mich auch nicht. Für mich war es wie ein
Wunder.“
„Das aber erst passieren konnte, nachdem du die Gesamtsituation angenommen hast und
damit einverstanden warst, also auf WP+ gewechselt bist.“
„Ja, wahrscheinlich.“
„Dann sei mal froh, dass du nicht gleich zum Hausverwalter gegangen bist, denn sonst
hättest du den Kampf zu schnell gewonnen, ohne Lieben zu lernen und Verständnis in dir
wachsen zu lassen. Das Schicksal hätte sich für dich dann möglicherweise eine noch dickere
Nuss einfallen lassen müssen, um dir die zu lernende Lektion beizubringen.“
„Tja vielleicht. Das kann ich nicht wissen. Auf alle Fälle kann ich diesen Kreislauf und das
herauskommen aus dem Kreislauf durch Akzeptanz und Verstehen (WP+) sehr gut
nachvollziehen.“
„Schön. Dann machen wir mal weiter.“
Bevor Henry weiterliest, denkt er noch einen kurzen Augenblick an seine Nachbarn, die
eigentlich nur ein Werkzeug des Schicksals waren, um seine Liebesfähigkeit auszubauen
und damit seine Lebensqualität zu steigern. Eigentlich hätte er für diese Nachbarn dankbar
sein können, obwohl er sie während dieser heißen Phase mehrmals verflucht hatte.
Ein bisschen Schamgefühl kommt jetzt in ihm deshalb hoch, aber der Henry von damals, war
irgendwie auch schuldfrei, er hätte es nicht besser wissen können, zumal jeder für seine
Situation vollstes Verständnis hatte.
Wie heißt es noch so schön: Das Leben wird vorwärst gelebt und oft erst rückwärts
verstanden. Sehr interessant das Leben.