Der Schoepfungsschluessel


„Na das ist ja mal eine kreative Art, „Schicksal“ zu übersetzen“, vermerkt Henry, legt das
Buch neben sich auf das Sofa und richtet sich auf, um einen Schluck Rotwein zu trinken.
„Das ganze über Gesundheit und Krankheit klingt irgendwie für mich logisch nachvollziehbar,
aber ist doch sehr allgemein gehalten. Ein paar praktische Beispiele wären nicht schlecht
gewesen.“
„Fällt dir keines ein?“, fragt David.
„Hmm, wann war ich das letzte mal krank.“ Henry sinniert kurz, dann erinnert er sich: „Ich
hatte mal ein Magengeschwür, oder so etwas ähnliches, nachdem ich von München nach
London gewechselt hatte.“
„Was ging denn den Magenproblemen voraus? Was hat dir denn in München nicht
gepasst?“, bohrt David weiter.
„Na ja, so hab ich das noch nicht betrachtet, weil meine Schmerzen ja erst in London
aufgetreten sind. Ich dachte es wird die Angst vor dem fremden Land oder dem neuen Job
sein, oder das Klima in London. Mein Umfeld in England war eigentlich sehr angenehm. Ich
hatte keine konkrete Antwort darauf, warum ich Schmerzen plötzlich bekamen. Ich ging zum
Arzt, der hat operiert und mir Medikamente verschrieben und nach einiger Zeit, hat sich dann
alles gebessert. Heute bin ich wieder gesund. Von daher kann ich die negative
Grundeinstellung des Autors gegenüber der Schulmedizin nicht unbedingt nachvollziehen
bzw. teilen. Er scheint ja kein besonderer Fan davon zu sein. Mir kommt es fast so vor, als
wäre sie ein Feindbild des Autors. Der blinde Fleck, den man vor lauter Predigt, über „Liebe
deine Feinde“, nicht sieht.“
„Ja, vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber das tut doch jetzt nichts zur Sache. Was
hat dich an deinem Job in München gestört?“
„Eigentlich nichts, es war alles in Ordnung, bis auf meinen direkten Vorgesetzten. Es war der
Neffe des Präsidenten der Bank, der es nicht nötig hatte, sich anzustrengen, um seinen Job
zu behalten. Aus Neid auf meine guten Zahlen am Jahresende hat er mich oft getriezt, wo es
nur ging. Er hat mir schwierige Kunden aufgehalst und mir so manche unnötige und unnütze
Arbeit eingebrockt. Außerdem hat sich sein Vorgesetzter oft direkt an mich gewendet, anstatt
erst zu ihm zu gehen, weil ich, in aller Bescheidenheit, wesentlich kompetenter war als er.“
„Wie hast du dich denn diesbezüglich gefühlt?“ 
„Ich hab mich geärgert, aber sich groß zu beschweren hatte ja keinen Sinn, schließlich war
er der Neffe vom Boss, da hat sich der Personalchef nicht wirklich rangetraut. Um es in den
Worten der Schablone zu sagen: ich war auf WP-. Wobei ich mir aber auch schnell die „Leck
mich am Arsch“-Einstellung, ihm gegenüber, angeeignet habe. Die hat mir gefühlsmäßig gut
getan.“


„Das glaube ich. Das ist eine ganz normale Reaktion. In der Bürokratie nennt man das
,Arbeiten nach Vorschrift’ “, bestätigt David. 
„Jetzt wo du mich daran erinnerst, kommt mir, dass ich damals auch gelegentlich über
Schmerzen im Magenbereich klagte. Aber nur ganz leichte, die schnell wieder vorbei gingen.
Ich dachte es ist halt mein stressiger Alltag.“
„Kann sein, kann aber auch nicht sein. Ich möchte dir mal ein paar Beispiele geben, wie man
Schmerzen auch auffassen kann. Wenn du viel rennst, dann zeigen sich am nächsten Tag
die Schmerzen in Form von Muskelkater. Die Muskeln erholen sich von der Anstrengung und
signalisieren dir jetzt keine größeren Bewegungen zu machen, als unbedingt notwendig.
Genauso ist es, wenn du eine Wunde oder einen Bruch hast. Nicht der Moment des
Schneidens oder des Brechens tut weh, sondern die Phase wo alles wieder verheilt, bereitet
dir Schmerzen, weil dein Körper in diesem Bereich nicht unnötig beansprucht werden will.
GOTT ist kein Sadist, der den körperlichen Schmerz erschaffen hat, um den Menschen
zu quälen. Es ist eher mit einer Signallampe am Armaturenbrett eines Autos oder besser
eines Flugzeuges zu vergleichen.“
„Aber nicht jedes blinkende Licht im Auto bedeutet Alarm“, wendet Henry ein. 
„Das ist richtig. Das habe ich auch nicht gesagt. Die interessanteste Frage ist die: welches
Signal gehört zu welchem Ereignis?“
„Ja, das ist eine Wissenschaft für sich und die heißt „Medizin“!“ 
„Ja, schon, aber das Problem der normalen Schulmedizin ist, dass sie nichts vom Motor
weiß, der das eigentliche Auto oder Flugzeug antreibt. Sie kennt nur das sichtbare Cockpit,
die Armaturen und die Innenausstattung. Und kann nur in diesem Bereich aktiv werden.“
„Was meinst du mit Motor in deinem Gleichnis?“, will Henry genauer wissen.
„Das was man unter dem Begriff Psyche versteht und vielleicht auch eine Stufe höher mit
Seele bezeichnet. Das innere des Fahrzeugs wäre dann das körperlich Sichtbare.“
„O.K., dann führ dein Beispiel zu Ende.“
 „Gut. Also, in der Schulmedizin wird, wenn ein Licht blinkt und es den Besitzer des
Fahrzeugs stört, entweder überklebt oder in schwierigen Fällen einfach herausgeschraubt.
Und voilà! Das störende Leuchten, das Symptom, ist weg. Frag doch mal einen Mediziner
nach der Ursachen von Krankheiten? Sie stammeln dann irgendwelche allgemeinen und
wilden Hypothesen von schlechter Ernährung, zu viel Stress, oder zu wenig Bewegung, oder
irgendwelche grauenerregenden Viren und bösen Bakterien. Und wenn ihnen gar nichts
mehr einfällt, dann ist es halt erblich bedingt. In Wirklichkeit wissen sie es nicht, weil sie an
der falschen Stelle suchen, dem Körper. Sie müssten an die Wurzeln gehen. Die Psyche
bzw. noch einen Level höher, die Seele. Nicht umsonst, sagt man, waren in den alten
Hochkulturen der Arzt, der Psychologe, der Astrologe und der Priester eine Person. Heute
kennt sich der Mediziner nicht mit der Psyche oder der Seele aus, der Psychologe nicht mit
dem Körper und der Priester, welcher Religion auch immer, versucht sich bei Krankheit,
wenn’s geht, ganz rauszuhalten, weil er darf ja nicht therapeutisch tätig werden. 
Vereinfacht gesagt: Weißt du was es bedeutet, wenn jemand nur 1/3 der Punkte in einem
Test zusammenbringt? Sechs Minus – und das bedeutet durchgefallen!
Jeder Mensch muss sein eigener Priester, Psychologe und Arzt in eigener Person
bzw. besser: im eigenen Bewusstsein, werden und nicht die Verantwortung an
irgendwelche Personen in seinem geglaubten Außen abgeben. Das führt längerfristig immer
in die Grube.“
„Ich verstehe zwar nicht, was du mit „geglaubten Außen meinst“, aber das ist jetzt auch nicht
so wichtig. Sag mir lieber, wie sollte ich, als  normaler Mensch, das schaffen?“ 
Henry will mit David jetzt nicht streiten über seine guten Erfahrungen mit der Schulmedizin,
daher gibt er sich gelehrig und hört weiter zu, was David vorschlägt.
 „Du kannst grundsätzlich zwischen zwei Signalen von Schmerzen deines Körpers
unterscheiden:   Einmal, die Schmerzen, die ein Defizit an Ruhe anzeigen, also warnen vor
Überlastung deines Systems und andererseits diejenigen, die ein konstruktives Stadium der
Regeneration anzeigen. 
Erstere werden seltener als Schmerzen identifiziert, außer es ist schon sehr nahe an der
Grenze des psychischen Kollapses. Sie werden als innere Unruhe und Stress empfunden,
also typisch für das WP- Feld. Letztere treten als die klassischen unangenehmen Schmerzen
auf. Sie entstehen in der Entspannungs- und Ruhephase, immer dann, wenn dein Körper
Zeit hat sich zu regenerieren und sich vom vorangegangenen Stress erholt. Ruhe und
kleinere Unterstützungen sind dann die beste Medizin.“
„Und wie erkenne ich, welches Signal im Moment aktiv ist, wenn ich doch nur „Schmerzen“
spüre?“ 

„Ganz einfach. Du beobachtest dich, ob du im Stress (WP- oder MA-) bist oder in der
Entspanntheit (MA+ oder WP+). Aber pass auf, dass du dich nicht von deinen Schmerzen
verführen lässt, denn der Stress, den du dir wegen der Schmerzen, oder möglicher
Zukunftsängste selbst einredest, kann zu einer eigenen Baustelle werden und neue
Probleme für dich mit sich bringen.
Wenn du gestresst bist und du hast Schmerzen, dann wird es höchste Eisenbahn
loszulassen. Bist du bereits entspannt, dann kannst du in der Regel davon ausgehen, dass
du in einer Art Heilungsphase bist und dir allenfalls Gedanken darüber machen, aus
welchem bereits gelösten Problem deine Schmerzen wohl resultieren.“
„Ist das nicht alles ein bisschen zu einfach formuliert? Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber
die Wirklichkeit in meinem Körper scheint mir schon etwas komplexer zu sein, als nur Stress
Krankheit und Ruhe Heilung.“ 
„Vielleicht, Henry, hast du recht. Aber das Komplizierte leitet sich immer vom Einfachen ab!
Fange an das Einfache zu verstehen und arbeite dich dann immer mehr in die Komplexität
hinein. Wenn du darüber mehr wissen willst. Den Anfang hab ich dir gesagt. Wer suchet der
findet, wer klopfet dem wird aufgetan.“
„Ich glaube dafür fehlt mir die Zeit. Aber wer weiß schon, was noch alles auf meinem
Lebensfilm drauf ist.“
„Gut, kommen wir jetzt aber wieder zu deinen Magenschmerzen zurück.“
„Ach ja, die hab ich schon ganz vergessen.“ 
„Versuch doch mal, deine Krankheitsgeschichte unter die Schablone zu legen“, ermuntert
David, Henry, der eigentlich schon gar kein großes Interesse mehr an seiner Vergangenheit
in München zeigt.
„Muss das jetzt sein?“ 
„Ja! Du wolltest ein Beispiel, jetzt gib dir eins.“ David wirkt so bestimmend, dass Henry nicht
weiter widerspricht.
„In dieser Zeit mit meinem unfähigen Vorgesetzten, stand ich sehr häufig immer wieder mal
wegen ihm auf dem WP- Feld. Und meine Versuche in einen Kampf auf MA- auszubrechen
schlugen in der Regel fehl. Er war ja mein Vorgesetzter und in einem so großen
Unternehmen ging alles seinen Dienstweg. Mit meiner Versetzung nach London endete dann
unsere Beziehung und ich bekam meine eigene Abteilung in der Tochterfirma unserer Bank.
Wo soll ich das denn dann im Schlüssel einordnen?“
„Du hast eine Revierteilung gemacht. Du bist in ein neues Revier gezogen und dort jetzt das
erste Männchen, also wieder im entspannten und ruhigen MA+ Feld angekommen. Ein ganz
normales Unterfangen, wenn man einen Konkurrent weder besiegen noch lieben kann.“
„Gut. Dann bin ich mit der neuen Stelle in London wieder in das MA+ Feld eingetreten. Da
fühlte ich mich auch gut und willkommen, wenn nicht nach kurzer Zeit diese Schmerzen in
der Magengegend gewesen wären.“
„Heilungsschmerzen. Wenn du nicht zum Arzt gegangen wärst, dann wäre die gleiche
Heilung passiert. Vielleicht nicht so schnell, aber dafür den Kräften und der Entwicklung
deines Körpers angemessen.“
„Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber damals hätte mich keine zehn Pferde vom Arzt
weggekriegt. Aber zugegeben, die Parallelen von meiner Geschichte und deiner Theorie
kann ich dir nicht absprechen. Das nächste Mal beobachte ich mich einfach etwas genauer.“
„Tu das. Das „Sich-Beobachten“ ist der Weg zum wirklichen Selbst.“
 
Henry grübelt noch einen Moment, während David mit der Hand in die Erdnussdose langt,
die in der Mitte des Wohnzimmertisches steht und ein paar Nüsse in seinem Mund
verschwinden lässt.
 
„Was ich dich noch fragen wollte, David, was soll ich mir denn eigentlich immer unter Liebe
vorstellen?“ 
„Du kannst dir unter Liebe nichts vorstellen, du kannst „Liebe“ nur sein. Wenn du es bist,
dann weißt du es. Wenn du es beschreiben willst, dann vielleicht mit den Worten „sich öffnen
für den oder das Gegenüber“, „das andere verstehen“, „Verständnis haben“, „annehmen, wie
es ist“, „ohne Kaufmannsdenken handeln“, oder ähnliches. Es ist schon immer eine Kunst
gewesen, das auszudrücken, was sich nicht wirklich ausdrücken lässt. Daher auch das Wort
„künstlich“!“, David grinst über seine eigene Wortwahrnehmung.
„Gut o.k. hat mich auch nicht viel weiter gebracht, aber lassen wir es dann einfach so stehen.
Eine letzte Frage habe ich noch, bevor ich weiterlese.“
„Aber bitte Mr. Columbo, fragen sie nur“, scherzt David. 
Henry stutz, geht aber nicht weiter auf den Witz ein, sondern formuliert seine Frage:
 
„Wieso hängt die Welt, die mich umgibt davon ab, ob ich mit etwas einverstanden bin
oder nicht? Das verstehe ich noch nicht so ganz!“
 
„Das ist wahrlich eine hervorragende Frage. Ich könnte jetzt anfangen sie dir ein bisschen zu
beantworten, aber du wirst immer mehr Antworten in dem Buch bekommen. Hab Geduld.
Schritt für Schritt. Und vergiss diese Frage nicht, denn sie ist sehr wichtig! Ich würde sogar
sagen, diese Frage führt dich direkt in den Kern aller Sachen hinein“, David scheint plötzlich
so erfreut über die Frage von Henry zu sein, dass dieser sich schnell selbst noch mal in
Gedanken zitiert, um diese scheinbar so intelligente Frage nicht zu vergessen. 
Danach nimmt er das Buch wieder zur Hand und liest weiter.