David steht auf und geht in Richtung Küche, während er dabei zu Henry sagt: „Und wie sieht
es mit dir und deinen Feindbildern aus?“
„Denen geht`s gut. Ich hege und pflege sie, damit sie lange halten.“
„Na, das nenn ich Liebe! Aber Spaß beiseite. Konntest du das nachvollziehen, was du
gerade gelesen hast?“
„Ja, irgendwie schon. Was bei mir selbst besonders hervorsticht, ist meine Ungeduld. Ich
werde sofort unruhig, wenn ich längere Zeit unnötig warten muss. An Kassenschlagen, im
Stau und vor allem wenn jemand nicht pünktlich kommt, lande ich ziemlich schnell auf dem
WP- Feld und spüre innerliche Gereiztheit, die sich oft darin äußert, dass ich den zu spät
kommenden erst mal auf seine Unpünktlichkeit ansprechen muss, bevor wir ins Gespräch
kommen.“
„Du machst dir Dampf auf dem MA- Feld“, ruft David aus der Küche.
„Ja, das ist mir klar. Ich ärgere mich dann oft selbst, dass ich so ungeduldig bin und hab
schon einiges versucht, wie Meditation oder andere Entspannungstechniken, aber so ganz
hat meine Geduld dafür auch nicht gereicht.“
„Damit hast du schon ein zweites Feindbild, deine Ungeduld. Und deine Meditationstechnik
ist nur ein Mittel im Kampf dagegen“, bemerkt David, während er einen Krug mit Wasser und
Saft aus der Küche auf den Wohnzimmertisch stellt. „Du hängst also in zwei Schleifen drin:
einmal stört es dich, wenn jemand unpünktlich ist, oder du warten musst und das andere Mal
regst du dich über deine ungeduldige Reaktion auf. Jetzt fehlt nur noch, dass du dich
darüber aufregst, dass du dich über deine Ungeduld aufregst“, David grinst wieder etwas
provokativ und schenkt Henrys Glass voll, mit dem Kommentar, „so kannst du mit dir ein
schönes Spiel „Mensch ärger dich“ spielen.“
„So witzig finde ich das nicht. Es nervt mich ganz schön. Ich bewundere da meine Freundin,
die bleibt ganz ruhig, wartet geduldig ab und lässt sich durch Zeitdruck nicht nervös machen.
Sag mir David, wie komm ich denn da deiner Meinung nach raus?“
„Indem du da nicht mehr rauskommen möchtest!“
David merkt, dass Henry die Antwort nicht richtig verstanden hat, weil weiterhin ein dickes
Fragezeichen in seinem Gesicht steht. „Machen wir es anders, Henry. Versuch dir einfach
die Antwort nach dem Schlüssel selbst zu geben. Es betrifft deine Persönlichkeit, also langen
die vier Felder der Persönlichkeitsebene völlig aus. Versuch es!“, fordert David ihn auf.
Mittlerweile hat sich Henry an das Schülerdasein gewöhnt und versucht sich der
Aufforderung nicht weiter zu verweigern.
„Zuerst einmal befinde ich mich mit der ́Unpünktlichkeit ́ auf dem WP- Feld. In mir staut sich
Unmut auf, den ich dann im MA- Feld, sobald der andere da ist, entlade. Was nicht
besonders förderlich für unser Gespräch ist, weil der andere ja einen Grund gehabt hat,
warum er zu spät kommt und dementsprechend auf meinen Vorwurf reagiert, anstatt sich
schuldig zu bekennen. Und zweitens bin ich ärgerlich über mich selbst, weil ich immer so
schnell ungeduldig werde und glaube ich könnte meine Termine nicht einhalten. Ich ärgere
mich also doppelt. Aber wie komme ich jetzt auf das WP+ Feld, sprich ins
Einverstandensein?“
„Über das ́Verstehen ́. Du hast dir doch gerade die Antwort selbst gegeben. Jemand der
dich warten lässt, hatte einen Grund dafür, ob du diesen nachvollziehen kannst oder nicht,
spielt dabei keine Rolle. Für ihn war es ausreichend dich warten zu lassen. Wenn du in
seiner Haut stecken würdest, hättest du dich wahrscheinlich genauso verhalten.“
„Möglicherweise, das weiß ich nicht. Ich bin ich.“
„Richtig. Und für dein zweites Problem musst du für dich selbst Verständnis aufbringen. Ein
Mensch, der an einem Tag so viele Termine hat und so viel zu tun hat wie du, der reagiert
nachvollziehbar gereizt auf eine Verspätung. Da läuft nichts falsch. Auch einen Henry kann
man verstehen, wenn er ungeduldig wird. Nicht alle Menschen sind gleich. Der eine ist so,
der andere ist dafür etwas anders. Siehst du und schon kannst du beide Männchen
annehmen, die Unpünktlichkeit und deine Ungeduld, und innerer Friede kehrt wieder in dich
ein. Außerdem, wer weiß wofür es gut ist, dass du warten musstest.“
„Ja, natürlich, das hab ich mir auch schon oft gesagt. Aber ich hab mich trotzdem wieder
aufgeregt.“
„Weil du auch für ́Henry ́ Verständnis aufbringen musst, der sich ärgern darf. Sonst landest
du immer wieder in der selben Schleife.“
„Ja. Vielleicht ist das der Ausweg. Mit sich ist man halt immer etwas strenger, als mit
anderen.“
„Deswegen haben so viele Menschen mit sich Probleme und sind unzufrieden. Gerade weil
sie so streng mit sich sind und sich nicht so nehmen können wie sie GOTT geschaffen hat.
Sie sind ständig mit sich selbst auf WP- und kämpfen immer wieder einen Kampf, den sie
nie gewinnen können. Sie verschnaufen allenfalls kurzzeitig auf MA+, bis sie wieder was
finden, das sie an sich verbessern könnten. Die kriegen ihre eigenen geglaubten Fehler und
Unzulänglichkeiten von ihrem eigenen Schicksal immer wieder vorgesetzt, bis sie sich so
lieben und annehmen, wie sie sind. In jedem Augenblick. Zeit spielt dabei nur eine
sekundäre Rolle.“
„Da hab ich noch einiges vor mir“, gibt Henry etwas kleinlaut zu.
„Das macht nichts, du bist ja auch noch jung und sportlich.“ David will die Situation wieder
etwas auflockern, aber Henry ist immer noch mit seinen Gedanken beim ́Lieben und
Annehmen ́ und fragt nach einem kurzen Moment:
„Soll ich dann alles annehmen? Muss ich denn alles annehmen. Das geht doch nicht. Ich
kann doch nicht mit allem einverstanden sein. Dann müsste ich ja Jesus oder besser noch
Gott selbst sein.“
„Richtig. Du bist schon sehr nahe dran, das Rätsel der Welt zu lösen.“, David schaut Henry
etwas verschmitzt in die Augen.
„Du verwirrst mich zu sehr, David. Ich kann dir nicht folgen. Entweder du erklärst es mir, so,
dass ich es nachvollziehen kann, oder du lässt es bleiben und ich lese weiter.“
David weiß, ein Mensch schaltet leicht ab, wenn er meint jetzt wird es zu kompliziert, auch
wenn Henry durchaus Ehrgeiz hat, ihm in seinen Gedankengängen zu folgen.
Also entschließt er sich zu einer für ihn etwas nachvollziehbareren Erklärung:
„Das meiste, was dir Kopfzerbrechen macht, sind doch nur Gedanken in deinem Kopf. Wann
wirst du denn schon mal mit etwas wirklich Schlimmen konfrontiert. Und einen Gedanken
kann ich doch als eine Denkmöglichkeit annehmen und mir gleichzeitig vorstellen, sollte es
denn wirklich sein, dass ich oder andere in eine solche Situation kommen, dann werde ich
schon sehen, wofür das gut ist. Gottvertrauen hilft dabei sehr viel, um mit den ganzen
Angstgedanken leichter umzugehen. Deine Feindbilder bestehen zu 98% aus nichts weiter
als Gedanken und Luftgespenstern. Und Gedanken kann ich doch alle annehmen, wenn ich
berücksichtige, dass es nur Gedanken sind. Du kannst anfangen deine Gedanken etwas
genauer zu beobachten und ihnen nicht sofort zu glauben, wenn sie wieder wie Gespenster
in deinem Kopf herumfliegen und versuchen dich zu ängstigen oder Sorgen herauf zu
beschwören. Hinterfrage sie doch einfach und vergleiche sie mit deiner Wirklichkeit, die du
hier und jetzt erlebst, oder noch besser, lass sie fliegen. Sie sind wie Wolken am Himmel die
kommen und gehen. Erst wenn du gegen sie kämpfst, landest du in einem negativen
Kreislauf, in dem sie immer wieder auftauchen.“
„Na gut. Das klingt schon etwas besser. Aber so ganz stimme ich dir da noch nicht zu. Denn
die meisten Sachen gibt es ja als Realität in der Welt. Von daher will ich die Frage noch offen
lassen, ob ́ich alles annehmen muss ́.“
„Gut, einverstanden. Vielleicht können wir sie dir später besser beantworten.“
David merkt, dass Henry etwas verstimmt wirkt. Er entschließt sich daher, auf sein
Bauchgefühl zu hören und macht den Vorschlag: „Ich hätte langsam Hunger, wie sieht`s mit
dir aus?“ „Au ja, sehr gute Idee. Was gibt es denn zur Auswahl?“, fragt Henry, sichtlich
begeistert von dem Vorschlag.
„Was würdest du zu einer guten Pizza sagen?“
„Können die Schweizer denn Pizza machen?“
„Hey hör mal, wir sind näher an Italien als ihr Deutschen“, stichelt David zurück.
„Ich nehme einmal mit allem. Ich bin jetzt echt hungrig.“
„Gut zu wissen, dass du ein ,Allesfresser’ bist. Ich nehme eine ́Pizza Speziale` ohne
Schinken, den mag ich auf der Pizza nicht.“
„Oh, oh. Was höre ich denn da. Du sollst doch alles lieben und annehmen? Stellt denn da
́Pizza mit Schinken ́ eine Ausnahme dar?“, kommentiert Henry spitzfindig, wie er nun mal
ist, die Auswahl von David.
„Ich hab ja die Wahl, was ich möchte. Für irgendwas muss ich mich entscheiden. Ich habe
nichts gegen Schinken auf der Pizza, aber nicht unbedingt für mich. Wenn’s anderen
schmeckt, habe ich damit kein Problem. Das ist kein Feindbild von mir, nur ein individueller
Standpunkt. Außerdem ist es ja keine physische Realität, die GOTT mir hier und jetzt
vorsetzt und die ich kategorisch ablehne.“
„Ja, ja. Red dich nur raus. Du wirst schon sehen, wie schnell dein Gedanke an Schinken auf
Pizza auf deinem Teller Form annehmen kann. Ich teile nämlich gerne mit dir. Bestell bitte
einmal ́mit allem und besonders Schinken ́ für mich!“, Henry grinst David schelmisch an,
während dieser schmunzelnd zum Telefon geht und die Bestellung aufgibt.
Unterdessen greift sich Henry wieder das Buch und liest weiter.