„Ich kenne das so gut!“
David weiß nicht, ob Henry mit sich, mit ihm oder mit dem imaginären Autor des Buches
redet, also fragt er nach: „Was kennst du so gut, Henry?“
„All diese Muster die einen auf dem WP- Feld binden. Das fing schon an als mein Vater
sagte, ́Sohn, geh zu den Banken, da ist Geld im Überfluss, die drucken es und da bleibt
immer was für dich übrig. ́ Eine reine Entscheidung aus dem Kaufmannsdenken heraus. Ich
finde meinen Job zwar nicht schlecht, aber bei weniger Bezahlung würde ich ihn
wahrscheinlich nicht mehr machen“, gibt Henry zu.
„Und dann diese ständige Arschkriecherei nach oben und bei den Kunden, von denen man
ja nur ihr Bestes, ihr Geld will. Und gleichzeitig kriecht man dir von unten in den Arsch, dass
man sich wundert, noch nicht an permanenter Verstopfung zu leiden. Bei allen Banken in
denen ich gearbeitet habe, läuft das so ab und ich nehme mal an, das ist in anderen
Branchen genauso, nur in dieser habe ich es am eigenen Leib erfahren. Das fällt einem gar
nicht mehr auf. Es ist schon normal sich so zu verhalten. Und immer der Druck im Nacken,
dass man seinen Job verlieren könnte und dann in seiner momentanen Existenzform bedroht
ist. Da wird der Alltag schnell zum Überlebenskampf. Es ist bildlich gesprochen so, als wäre
man sein Leben lang dabei ein stabiles, komfortables Haus auf dem WP- Feld zu bauen, um
dort irgendwann fest mit seiner Familie einzuziehen.“
Henrys Blick verfinstert sich etwas und seine Intoleranzfalte auf der Stirn zwischen den
Augen wird sichtbar.
„Sag mal David, wie kommt man aus so einem Gefängnis wieder raus? Hast du einen Tipp?“
„Erst mal muss du nirgends ́rauskommen ́, weil du eigentlich kein Gefangener bist. Du
glaubst dich in Wirklichkeit nur als Gefangener. Du bist auch das Gefängnis und der
Gefängniswärter.“
„Werde bitte etwas konkreter, das hört sich schon wieder so philosophisch-esoterisch an“,
entgegnet Henry etwas ungeduldig und gereizt von seiner eigenen Erkenntnis über seine
Situation.
„Na gut. Ich versuche es dir etwas direkter zu erklären. Du bist kein Gefangener, du glaubst
dich nur von irgendwelchen Umständen gefangen. Du hast immer JETZT die Möglichkeit
durch das ́Lieben deiner Feinde ́ und das ́Loslassen von deinem Wollen` deine ganzen
Umstände zu ändern und dich in einer völlig neuen Welt wieder zu finden.
Keiner zwingt dich dazu etwas zu tun, außer du selbst. Oder droht dir deine Bank mit
Inquisition und Folter, wenn du morgen nicht zur Arbeit erscheinst?
Was hindert dich daran etwas zu lieben, offen zu sein und Verständnis aufzubringen?
Du bist einzig und alleine in deinen Mustern und deiner Gewohnheit gefangen, die du
auflösen oder ändern kannst.“
„Und wie?“
„Sei doch mal unlogisch! Mach mal etwas anders und schau was für neue Bilder in deiner
Welt erscheinen.“
David beobachtet, wie Henry etwas orientierungslos wirkt und beschließt ihm jetzt eine neue
Ausrichtung zu ermöglichen: „Du bist der Schöpfer deiner Welt! Über das Verstehen und
das ehrliche Einverstandensein (WP+) kannst du von innen heraus deine Welt substantieller
verändern, als mit all dem Geld und den Atombomben!“
Henry schaut David mit einem leicht verwirrten Gesichtsausdruck an.
Normalerweise hätte er eine solche Aussage einfach mit einem Lächeln quittiert und für das
Gefasel eines Spinners gehalten, der zu lang in seinem Elfenbeinturm mit sich selbst
Murmeln gespielt hat. Aber bei David ist das jetzt anders. Hier geht es nicht so leicht. Dazu
strahlt er ihm zuviel Wahrhaftigkeit aus.
In Henry schmilzt langsam sein festes und sicher geglaubtes Weltbild zu einer breiartigen
Masse zusammen, aus der David die Hoffnung für ein neues, harmonischeres Weltbild
schöpft.
Henry entschließt sich auf diese abenteuerliche Aussage einzugehen. Er bleibt am Ball und
versucht es mit Verstehen:
„Irgendwie kapiere ich das nicht. Am besten ich komme noch mal auf meine von dir so
gelobte Frage zurück: Wie kann es sein, dass ich meine Umwelt beeinflussen kann,
wenn ich innerlich mit etwas einverstanden oder nicht einverstanden bin? Und ich
damit meine Welt mehr verändere, als mit Geld und Waffen. Wieso kann das
funktionieren?“
„Ich liebe diese Frage. Versuch sie dir vielleicht selbst zu beantworten“, fordert David, Henry
mit einem fast schon begeisterten Gedichtsausdruck auf.
„Das einzige, was mir einfällt, wäre, dass irgendwie ich mit meiner Umwelt stärker verbunden
bin, als ich es bisher geglaubt habe.“
„Sehr, sehr gut! Scharf kombiniert und voll ins Schwarze getroffen.“
„Aber wie? Ich bin doch mit dem Tisch, dieser Wohnung oder dir nicht mehr verbunden als
wie eben zwei getrennte Gegenstände miteinander verknüpft sind. Eigentlich doch gar nicht,
wenn sie sich nicht berühren.“
David merkt, dass Henry noch in der Sackgasse der Weltvorstellung des Materialismus,
́alles ist getrennt ́, lebt. Daher versucht er ihm ein bisschen auf die Sprünge zu helfen.
„Zwei Pole sind immer durch ein Drittes miteinander verbunden, die sogenannte Synthese.
Wobei die zwei Seiten sich getrennt glauben und in der Regel nichts von ihrer gemeinsamen
Wurzel wissen.“
„Und was ist das ́Dritte ́ in der Beziehung von mir und meiner Umwelt?“
Henry wird neugierig und wartet auf die Antwort, wie man beim Zirkus, während des
Trommelwirbels, auf den Sprung des Artisten wartet.
„Du SELBST!“
„Wie ich selbst? Das verstehe ich nicht. Was ist denn das für eine Antwort?“, entgegnet
Henry sichtlich enttäuscht. Er hat sich eine Antwort erhofft, die er sofort verstehen kann,
stattdessen fängt das Spiel wieder von vorne an, so glaubt er zumindest.
„Dein SELBST ist nicht das, was du als ́Henry ́ glaubst, dass du bist. `Henry` ist nur deine
Persönlichkeit, die Maske hinter der sich dein SELBST verbirgt. Du bist viel mehr als das.
Der ́Henry ́ ist nur ein kleiner Teil von deiner wirklichen Ganzheit. Du hast dich, sagen wir,
selbst vergessen.“
„Und was oder wer bin ich denn dann?“, schießt es aus Henry automatisch heraus, ohne
dass er einen Einfluss hatte.
„Willkommen im Club der Suchenden! Das ist die entscheidende Frage, mit der du
anfängst zu suchen, wenn du beginnst zu verstehen, dass du das scheinbar nicht bist, was
du immer glaubtest zu sein. Oder vielleicht sollte ich es mit der Aufforderung des
Delphischen Orakels sagen: Mensch erkenne dich selbst, dann wirst du GOTT erkennen.“
Henry schluckt, weil er intuitiv irgendwie Wahrheit in den Worten von David erkennt.
Einige Momente der Stille breiten sich im Raum aus.
„Ich weiß gar nicht, ob ich ein Suchender sein will, das scheint mir ziemlich anstrengend zu
sein. Da kann ich wieder ganz von vorne anfangen, bei Null.“
„Nicht ganz. Immerhin weißt du schon mal, was du nicht bist, bzw. nicht wirklich bist, oder
nicht nur bist. Diese Erkenntnis ist wertvoller, als du es dir im Moment vorstellen kannst.
Lass es langsam angehen. Schritt für Schritt. Du musst doch nicht alles gleich kapieren.
Du hast Zeit.
Ich glaube es ist besser wir lesen erst mal weiter, bevor du zu sehr verwirrt bist. Im Laufe
des Buches wird dir vielleicht einiges klarer.“
„Gut. Das denke ich auch“, bestätigt Henry etwas erleichtert.
David spricht mit Henry, wie mit einem kleinen Kind, das gerade erfahren hat, dass seine
Eltern nicht seine wirklichen Eltern sind, sondern lediglich seine Pflegefamilie ist.
Aber genauso fühlt sich Henry auch. Etwas verloren steht er an dem Abgrund, der ihm den
so fest geglaubten Boden unter den Füßen nimmt, wenn er weitergeht.
David weiß, dass nur die mutigsten unter den Menschen diesen nächsten Schritt wagen.
Es ist der Schritt ins Unbekannte, auf der Suche nach sich selbst.
„Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt (Mat. 22, 14). Vielleicht ist Henry ein
Auserwählter?“, denkt David still bei sich und hört zu, wie dieser weiterliest.