„Also manchmal finde ich die Anmerkungen des Verfassers in Klammern („Anmerk. d. Verf.“)
etwas verwirrend und komisch. Das wirkt auf mich so nach dem Motto ́friss oder stirb ́. Auf
mich macht es den Eindruck, dass es teilweise aus dem Zusammenhang gerissen ist oder er
von Sachen redet, die er noch nicht weiter erklärt hat. Vielleicht setzt er auch eine gewisse
Grundbildung voraus. Ich weiß es nicht. Außerdem ist das letzte Kapitel so was von
abgehoben, dass ich nicht genau weiß, was er seinen Lesern damit sagen möchte.“, kritisiert
Henry leicht gereizt und legt das Buch auf seinen Schoss.
„Solltest du das Buch noch mal lesen, werden dir die Kommentare und gerade diese Kapitel
mehr Spaß bereiten. Du wirst sehen. Und außerdem, was dir nichts sagt, das kannst du ja
überlesen, oder hinterfragen, um dir selbst eine Antwort zu geben. Ganz wie du willst“,
antwortet David.
Er vermutet, dass Henry sich in vielerlei Situationen in den letzten beiden Abschnitten über
„das Ego und seine Spielchen“ wiedererkannt hat und vom Autor indirekt ständig eine
geistige Ohrfeige kassiert hat. Kein Wunder, dass er sich da irgendwie auch verteidigen will.
„Und, was sagst du über die letzten beiden Abschnitte?“, fragt David etwas unschuldig, weil
er wissen will, wie Henry reagiert.
„Ja. Im Prinzip kann ich nichts dagegen sagen. Auch wenn es in vielen Punkten mit meiner
bisherigen Einstellung im Widerspruch steht.“
,Süß formuliert! Wie elegant man auch sagen kann, dass man ein Egoist ist’, denkt sich
David still bei sich.
Henry holt tief Luft, um seiner Kritik freien Lauf zu lassen: „Na ja, man könnte sich bei dem
Punkt ...“, er unterbricht seinen Satz, weil aus dem Nichts plötzlich, die Melodie von
Beethovens „Ode an die Freude“ erklingt.
Henry legt das Buch zur Seite und zieht sein Handy aus der Hosentasche heraus, schaut auf
das Display, um zu erfahren, welche Nummer gerade anruft.
„Sorry, David, aber da muss ich rangehen. Es ist ein Großkunde aus New York.“
Mit einem Räuspern bereitet sich Henry auf das Gespräch vor und meldet sich dann mit:
„Hallo Larry, what ́s up?“
(Anmerk. d. Verf.: das folgende Gespräch läuft in englischer Sprache ab, wird hier aber auf deutsch
wiedergegeben!)
„Henry, was hast du mir für einen scheiß Tipp verkauft. Alles ist nur noch die Hälfte Wert,“
brüllt eine Stimme ihm so laut ins Ohr, dass David jedes Wort mithören kann.
„Ja, ich weiß. Das hat viele erwischt. Keiner konnte ahnen, dass die Aussagen von Bush
bezüglich des Angriffes auf den Iran solche Auswirkungen auf den Markt haben“, versucht
Henry in die Verteidigung zu gehen.
„Aber das lag doch in der Luft. Das hättest du wissen müssen, und uns wenigstens darauf
hinweisen können. Es ist dein Fehler.“
Henry merkt wie in ihm Spannung entsteht und er normalerweise an dieser Stelle in die
Konfrontation mit dem Kunden ziehen und ihm ganz klar sagen würde, dass seit dem 11.09.
in den Anlage- und Renditeprognosen immer grundsätzlich von einer stabilen politischen
Situation ausgegangen wird. Das Risiko für plötzliche Kurzverluste am Markt durch Kriegs-
oder Terrorangstmache werden nicht miteinkalkuliert, weil keiner genau sagen kann wie sich
welche Märkte verhalten (oder besser, diese Informationen nur den Wissenden im Hintergrund des
Geldhandels vorbehalten sind).
Aber diesmal, rührt sich (s)eine innere Stimme, die ihm sagt: ́Es ist verständlich, wie Larry
reagiert. Du hättest ihn schon darauf aufmerksam machen können, aber du wusstest, dass
er dann wahrscheinlich den Deal nicht gemacht hätte, weil er ein so übervorsichtiger Mensch
ist, was sein Geld anbelangt. ́
Henry wundert sich, woher plötzlich diese innere Gewissensstimme kommt, die in der
ganzen letzten Zeit wohl einen tiefen Winterschlaf gehalten hat.
Also hört er sich selbst antworten:
„Ich weiß, du hast recht, Larry. Ich kann dich verstehen. Ich hätte dich darauf hinweisen
sollen, aber zu dem Zeitpunkt war mir der Deal wichtiger als die Wahrheit. Du hättest es ja
nicht gemacht, wenn ich dir das Risiko gesagt hätte. Jetzt tut es mir leid. Ich hätte nicht
gedacht, dass der Markt so reagiert. Was kann ich für dich machen?“
Es ist einen Moment still an der anderen Leitung, bis Larry wieder loslegt:
„Du Scheißkerl gibst es also zu und nimmst mir den ganzen Wind aus den Segeln. Scheiße
noch mal (engl. fuck bzw. bullshit).“
Henry merkt, wie Larry sich langsam entspannt, den Fuß vom Pedal nimmt und von seinem
Tempo 180 auf ca. 90 abbremst.
„Aber ich bin auch so ein Drecksack wie du. Ich hätte es auch so gemacht. Wenigstens bist
du jetzt ehrlich. Ehrlichkeit ist in dieser scheiß Branche sowieso ein Fremdwort, gleich nach
den Worten ́Anstand ́ und ́Bescheidenheit ́. Scheiße noch mal. Ich weiß, der Deal lässt sich
nicht mehr ohne hohe Verluste rückgängig machen. Scheiße noch mal. Scheiße noch mal.
Ich weiß auch nicht, was wir jetzt machen können. Am besten wir warten ab. Vielleicht legt
sich die Situation wieder und die Idioten von Bush, Cheney und wer da noch alles im
Hintergrund als Kriegstreiber fungiert, fallen in eine große Grube mit Jauche, aus der sie
nicht mehr herauskommen und ersaufen (Anmerk. d. Verf.: im englischen Original hört sich das
wesentlich lustiger an.). Scheiße noch mal! Ich melde mich wieder bei dir, wenn ich besser drauf
bin. Scheiße noch mal!“, schimpft Larry, aber jetzt mehr auf Bush & Co, als mit Henry und
legt auf.
Henry starrt ganz fassungslos auf das Handy.
„Was ist denn los? Alles in Ordnung? Die letzten Worte hab ich gar nicht mehr
mitbekommen“, fragt David, etwas scheinheilig, weil er genau verfolgt hat, wie Henry sich in
dem Gespräch verhalten hat.
„Ich kann`s gar nicht fassen. Es ist ein Wunder. Echt ein Wunder!“, stammelt Henry noch
etwas benommen vor sich hin.
„Ein Wunder? Was meinst du?“
„Seit zwei Tagen schlafe ich wegen diesem Kunden schlecht, weil er indirekt wegen mir ca.
250.000 Dollar verloren hat. Jetzt sag ich ihm, aus welchem Grund auch immer, die volle
Wahrheit und er gibt zu, dass er auch ein ́Drecksack ́ ist. Und das war`s. Ich dachte, der
reißt mir persönlich den Kopf ab, wenn er die Wahrheit erfährt, aber ... nichts.“
Henry ist noch ganz irritiert, als wäre ihm gerade ein Engel erschienen und hätte ihm von der
Wiedergepurt des Christus erzählt.
„Was willst du denn? Alles läuft doch ganz normal! Er hat dich angegriffen und wollte mit dir
Kämpfen, sprich auf MA- ziehen, was ihm auch fast gelungen wäre, aber du bist, wie von
Geisterhand geführt, nach WP+ gewechselt und hast ihn ehrlich anerkannt und dich ihm
hingegeben. Und schon löst sich das Problem auf. Das hätte ich dir auch vorher sagen
können“, bemerkt David ganz selbstverständlich.
„Ja, schon. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich funktioniert. Irgendwie ist das alles
für mich noch Theorie.“
Henry starrt auf das Buch und sagt mehr zum Buch als zu David: „Nur allein für dieses
Gespräch hat sich der Abend schon gelohnt.“
„Na, vielen Dank. Und soviel zum Thema ́Handeln aus Kaufmannsdenken ́ “, David grinst
und wendet sich mit einer theatralischen Körperbewegung scheinbar beleidigt zur Seite.
„So meinte ich das nicht. Aber das weißt du“, bestimmt Henry ganz selbstbewusst.
„Ich glaub, ich brauche jetzt ne Pause und geh mal auf die Toilette.“
Als Henry wiederkommt setzt er sich mit einem lauten, erleichterten Schnaufer hin, schließt
für einen kurzen Moment seine Augen und fängt an, weiter zu lesen.