„Zum Thema Loslassen fällt mir ein Witz ein. Willst du ihn hören?“, unterbricht David den
Erzählfluss von Henry.
„Ja, klar. Ein guter Witz ist immer willkommen“, entgegnet dieser, sichtlich offen für eine
kleine Abwechslung, weil der Gedanke an seinen Tod und alles loszulassen, ihn nicht
gerade aufgemuntert hat.
„Also, ein Bergsteiger hat sich entschlossen auf den höchsten Berg zu steigen. Kurz vor dem
Gipfel, rutscht er plötzlich aus, schliddert den Abhang ein Stück hinunter und kann sich
gerade noch an einem winzigen Felsvorsprung über dem Abgrund festhalten. Sein Körper
baumelt über dem Abgrund und als seine Kräfte nachlassen, blickt er verzweifelt zum
Himmel und ruft: „Hallo! Ist da jemand?"
"Ja“, ertönt es unerwartet vom Himmel.
"Was soll ich tun?", fragt der Bergsteiger in seiner Angst.
"Sprich ein Gebet und lass los," schallt es mit einer freundlichen Stimme aus dem Himmel
zurück.
Der Bergsteiger blickt nach unten, schluckt einmal und ruft nach kurzem Überlegen: "Hallo,
... äh... ist da vielleicht noch jemand?"
Henry schmunzelt und sagt: „Ja, doch. Der Witz ist gut und hat Tiefe. Finde ich nicht
schlecht. Und du willst mir bestimmt damit sagen, dass man erst durch Vertrauen und
Loslassen von seinem Ziel, an sein Ziel gelangt? Umsonst hast du mir doch den Witz jetzt
nicht erzählt, oder?“
„Ja, das klingt gut, das würde ich dir sofort unterschreiben“, bekräftigt David und ist etwas
stolz darüber, dass Henry die Mär des Witzes so schnell erfasst hat.
„Kennst du die Geschichte von Alice im Wunderland, wie sie versucht das Schloss zu
erreichen, das sich am Horizont zeigt?“, fragt David weiter.
„Nein, aber ich höre sie mir gerne an“, antwortet Henry.
„Alice ist auf der Suche nach einem Zauberschloss und als es am Horizont auftaucht, fängt
sie an, so schnell zu rennen, wie es ihre kleinen Beinchen zulassen. Doch zu ihrer
Verwunderung kommt sie dem Schloss nicht einen Meter näher. Es bleibt immer im gleichen
Abstand. Sie versucht noch mal einen Zahn zuzulegen, aber all ihr Bemühen trägt keine
Früchte. Das Schloss rückt und rückt nicht näher. Plötzlich bleibt sie stehen und sagt zu sich
selbst: ́ich kann nicht mehr. Mir ist es jetzt auch egal. Dann werde ich das Schloss eben
nicht erreichen. Soll es halt nicht sein. ́
Sie hat den Gedanken gerade zu Ende gedacht und damit von ihrem Wollen losgelassen, als
sie auf einmal mitten im Schloss steht.“
David schaut Henry jetzt mit einer erwartungsvollen Mine an.
„Was willst du mir denn damit sagen? Indem ich nichts tue, erreiche ich meine Ziele? Dann
müsste ja jeder Penner in New York auf der Straße Millionär sein“, kommentiert Henry
spöttisch die Geschichte.
„Nein. Diese Schlussfolgerung wäre zu kurzsichtig, weil es von dem Glauben eines jeden
einzelnen abhängt, in welcher Welt er lebt. Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass sich ein
Penner in New York ständig sagt: ́ich habe kein Geld und bin so eine arme Sau. Ich werde
von der Gesellschaft nicht anerkannt und muss im Müll leben. Was für eine ungerechte
Welt! ́ Und genau diese Welt wird er zu Gesicht bekommen!“
Diese Retourkutsche hat er jetzt nicht erwartet. In Henrys Gesicht verschwindet der
süffisante Ausdruck und seine Körper- und Geisteshaltung wirken wieder offen für die Worte
von David, daher fragt er nach:
„Was hat denn die Welt damit zu tun, ob ich loslasse oder nicht? Wieso sollten sich die
materiellen Dinge daran orientieren?“
„Ich möchte dir jetzt eine Antwort geben. Und nebenbei bemerkt, ist es die gleiche Antwort
auf deine Frage ́Warum hat es einen Einfluss auf die Welt, ob ich mit etwas einverstanden
bin oder nicht? ́.“
„Ich bin ganz Ohr. Schieß los!“
David wartet bis Henry einen Schluck Rotwein getrunken hat, dann erklärt er:
„Es ist das größte Geheimnis, das auch in allen Religionen, mal versteckt, mal etwas
offensichtlicher, erklärt wird: Die Welt baut auf deinem Glauben auf.
Wenn du etwas willst, dann trägst du in dir, dass du etwas nicht hast. Genau das zeigt
sich in deiner Welt. Wenn du dann glaubst, dass du es auf bestimmtem Wege
erreichen kannst, dann wird sich genau das in deiner Welt zeigen. Aber in dem
Moment, wo du dein „Wollen“ loslässt, sagst du dir indirekt ́das brauche ich nicht,
damit bin ich eigentlich schon ausgestattet ́ und damit lebst du im Glauben, dass du
das Gewünschte schon besitzt bzw. dein Bedürfnis bereits befriedigt ist. Deine Welt
wird dir dann genau dies zeigen und wie durch ein Wunder bist du dann `mitten im
Schloss ́.“
„Aber ich habe mir schon so vieles gewünscht und dann bestimmt wieder vergessen. Und
bekommen habe ich es trotzdem nicht.“
„Was denn? Was wolltest du mal haben, was du jetzt nicht mehr willst und wo noch
ein offenes Bedürfnis bei dir ist“, fragt David ganz konkret.
Henry überlegt einen Moment und erkennt daraufhin:
„Das gibt es nicht. Wenn ich noch ein Bedürfnis habe, dann gibt es auch unbewusst
einen Willen, dieses zu befriedigen. Somit erlischt automatisch mit jedem Loslassen
vom Wollen auch das Bedürfnis. Das ist so betrachtet völlig logisch.“
„Bravo, Henry. In dir steckt ja ein Genie der Philosophie. Und genau das wirst du in deiner
Welt dann zu Gesicht zukommen!“
„Hör auf mit dem Süßholzgeraspel. Du hast mir die Antwort ja schon in deiner Frage
verraten. Und außerdem verstehen, tu ich es nicht! Was hat denn mein Glaube mit der
festen, materiellen Welt zu tun, die getrennt von mir ist?“
„Mehr als du denkst. Und so ́fest ́ und so ́getrennt von dir ́, wie du das im Augenblick noch
vermutest, ist die Welt nicht,“ entgegnet David mit einer sehr ernsten Stimme und schaut ihn
dabei mit einem festen und sicheren Blick in die Augen. Henry bekommt das Gefühl, dass
David ihm irgendetwas sehr wichtiges ohne Worte mitteilen möchte, was er aber im Moment
noch nicht begreifen kann.
Ein Klingeln der Türglocke unterbricht den Moment der angespannten Stille in dem sich die
beiden Freunde tief in die Augen schauen. Innerlich atmet Henry auf, weil er sich vorkommt,
wie ein Schüler der die Lösung nicht verstanden hat und sich nur deshalb nichts sagen traut,
weil er nicht dumm erscheinen will.
Er schaut auf seine schicke, teure Schweizer Markenuhr und bemerkt nebenbei, während
David schon auf dem Weg zur Tür ist: „Das wird der Pizzabote sein. Hat ganz schön lang
gedauert. Ich dachte so spät am Abend essen nur die wenigsten. Aber ich muss mich wohl
erst an die Geschwindigkeit der Schweizer gewöhnen.“
„Das liegt nur an deiner Extraportion Schinken, die du bestellt hast. Wahrscheinlich mussten
sie noch ein zusätzliches Schwein für dich schlachten,“ scherzt David, öffnet die Tür und
wartet im Hausflur auf den Lieferanten.
Henry ist erst seit Anfang dieses Jahres nach Zürich gezogen, weil er seit seinem
Flugzeugunfall im Sommer 2006 bei der Landung in Oslo unter starker Flugangst leidet. Er
konnte in seinem alten Job deswegen nicht mehr entspannt arbeiten, weil er ständig
zwischen New York und London hin und her fliegen musste und vor lauter Angst kaum noch
zum Schlafen kam. So beschloss er, sich bei einer Schweizer Traditionsbank zu bewerben,
die ihn aufgrund seiner hervorragenden Referenzen auch sofort eingestellt hat.
Nachdem beide ihren Hunger gestillt haben, öffnet David noch eine Flasche Rotwein,
schenkt die Gläser voll und stellt sie auf den Wohnzimmertisch. Beide Freunde setzen sich
wieder auf das Sofa und Henry nimmt erneut das Buch zur Hand und liest laut weiter.