„Was ist denn das jetzt für ein Zeug! Der redet ja schon genauso wie du? Ihr habt wohl den
gleichen Kurs besucht! Der Glaube erschafft die Welt! Wie soll denn das gehen??? Was hat
den mein stiller Wunsch in meinem Kopf damit zu tun, ob sich irgendjemand bei mir
telefonisch meldet?“, beschwert sich Henry und klappt das Buch mit einem lauten Schlag zu.
In ihm steigt wieder das alte Gefühl hoch, dass er am Anfang des Gymnasiums in
Mengenlehre (Mathematik) das erste Mal als junger Schüler bekam. Er hatte den Eindruck
„alle verstehen es, nur er nicht“. Früher hatte er bei diesem Gefühl immer Tränen in den
Augen und im Laufe der Zeit hat sich dieses Gefühl in Wut und Zorn gegen das
Unverstandene umgewandelt.
So wächst man vom Kind zum Mann, aber das Muster im Hintergrund bleibt immer noch das
gleiche: Lieber leidenschaftlich kämpfen, als demütig verstehen wollen.
„Ja, Henry, ich kann dich verstehen. Der Autor hat sich bemüht, es zu erklären, aber
insgesamt scheint es bei dir wohl eher Verwirrung als Aufklärung zu bringen“, versucht David
ihn ein bisschen zu besänftigen. Er weiß, dass das gerade Gesagte, das ganze feste,
materielle Weltbild von Henry ins Wanken bringt und wer lässt sich schon gern sein Weltbild
zerstören.
„Was heißt hier bei mir???? Wenn ich jetzt auf die Straße gehe und das irgendwelchen
Leuten vorlese, meinst du doch nicht wirklich, dass die das kapieren? Ihr Glaube erschafft
ihre Welt! ́Na klar ́, sagen die Leute ́hab ich schon immer gewusst. Ich glaube einfach, dass
der Bus jetzt fährt, dann fährt er, weil ich es glaube, oder will! Und wenn ich mal nichts im
Kühlschrank hab, dann denk ich ihn mir einfach voll. Geht doch ganz einfach. ́ “, ironisiert
Henry und fängt an sich langsam in Rage zu reden.
„Warte mal einen Moment, bevor du dir selbst unnötig Steine in den Weg legst. Das, was der
Autor hier versucht zu beschreiben, ist wirklich so! Und es ist viel umfangreicher, als du es
dir im Moment noch vorstellen kannst. Ob es so passend ist, dass der Autor so ein
komplexes Thema so nebenbei in zwei Seiten erwähnt und dabei viele Fragen offen bleiben,
sei dahin gestellt. Ich hätte es wahrscheinlich anders gemacht, aber egal. Es ist wie es ist.“
Henry hält inne, obwohl er die ganze Nacht darüber seine Witze hätte reißen können. Aber
im Moment steht es zwei gegen eins. Der Autor und David gegen ihn. Auch wenn
wahrscheinlich die restlichen acht Milliarden Menschen hinter ihm stehen würden, mal von
ein paar Spinnern abgesehen, die glauben sie seien Jesus, ist er im Moment allein.
Aber wie soll er sich jetzt verhalten? Das Buch einfach Buch sein lassen, aufstehen, gehen
und David mit dem Kommentar abspeisen, ́lass uns das nächste mal darüber reden, es ist
schon zu spät ́? Nein, das wäre ja wie Flucht. Er entschließt sich offen zu bleiben, aber
trotzdem seine schärfsten Bedenken entgegenzustellen.
„O.k., David, dann erklär du es mir!“
„Ich fange mal ganz einfach an. Kennst du das Phänomen des Placebos in der Medizin?“
„Ja, klar. Der Patient bekommt eine Art Traubenzucker und ihm wird gesagt, dass es ein
neues Medikament ist, welches z.B. seine chronischen Schmerzen heilen könnte und nur
weil er es glaubt, wird er wieder gesund.“
„Richtig! Aber du sagst das so selbstverständlich und gerade hast du noch gegen die
Schöpferkraft des Glaubens gewettert.“
Henry merkt den Widerspruch, unterlässt es aber, sich wieder zu verteidigen und schaut
David nur mit einem zustimmenden und aufmerksamen Nicken an.
„Der Placeboeffekt wirkt auch bei Scheinoperationen, die bei einem Vergleich genauso
wirksam sind wie normale Operationen, wenn der Patient im Glauben steht, er hat eine
erfolgreiche OP hinter sich gebracht“, führt David weiter aus, „also könnte man
schlussfolgern, der Glaube hat genau soviel oder mehr Kraft, wie Medikamente und
Operationen in der Medizin.“
„Aber doch nicht alle? Ich meine, willst du damit behaupten, wir bräuchten keine
Medikamente und Operationen mehr, wenn man nur ́glauben ́ würde?“
„Das hast du gesagt, aber ich will dir nicht widersprechen. Das Problem dabei ist nur, ́du
musst glauben können ́! Niemand kann einfach so etwas glauben, wenn er will. Das hat man
auch daran gesehen, dass die Schmerzen oft zurück kamen, wenn man den Patienten
gesagt hat, dass es nur ein Placebomedikament war, oder nur eine Placebooperation.
Allerdings waren manche auch von ihrem Glauben so überzeugt und die wenigen blieben
́gesund ́.“
„Gut! Nehmen wir an das stimmt. Auf den eigenen Körper kann es ja vielleicht wirken, aber
wie soll denn der Glaube mit meiner äußeren Umwelt in Verbindung stehen?“
„Ich behaupte jetzt folgendes“, sagt David, nimmt einen Stift, der auf dem Tisch liegt, hält ihn
in die Höhe und lässt ihn hinunterfallen. „Der Stift fällt in deiner persönlichen Welt nur, weil
du es so glaubst!“
„Du bist ein Scherzkeks, David. Der Stift fällt, weil die Schwerkraft aufgrund der Masse der
Erde und ihrer Rotation den Stift anzieht.“
„Richtig. Aber dieses theoretische Konstrukt glaubst du und deshalb siehst du es so und
wirst es nie anders sehen, weil du dieses absolute Gesetz, das Gesetz der Schwerkraft, über
deinen persönlichen Glauben glaubst und damit lebst du genau in dieser Welt.“
„Aber auch das ist bloß eine Theorie. Fakt ist: ich kann alles mögliche mit den mathematisch
physikalischen Formeln, die die Schwerkraft beschreiben, berechnen, z.B. die Raketenstarts
oder Fallgeschwindigkeiten usw. .“
„Richtig, da widerspreche ich dir auch nicht. Ich behaupte nur, dass hinter all diesen
́allgemeinen Formeln ́ dein Glaube steht, der sie Realität werden lässt. Wenn du es
anders ́glauben ́ könntest, was du momentan noch nicht kannst, dann könntest du die Dinge
auch schweben lassen. Du könntest z.B. auch an die Levitationskraft glauben, die es dir
dann ermöglichen würde, genau solche Bilder zu sehen, in denen Dinge schweben würden
und scheinbar ohne Gewicht sind.“
„Das glaube ich dir nicht“, entgegnet Henry mit einem letzten Rest von Widerstand in der
Stimme.
„Genau! Und damit wirst du es nicht sehen können. Weil du es nicht glaubst, lebst du in einer
Welt, wo das nicht passiert, sondern alles so ist, wie du es glaubst. Du lebst in einer Welt, in
der dein Glaube nicht besonders viel zählt! Genau diese Erfahrung wirst du machen.“
„Das ist unfair. Da komme ich nicht mehr mit Argumenten heraus, weil du immer behaupten
kannst, es ist so, weil ich es glaube!
„Das stimmt, aber darin liegt auch gleichzeitig ein Hinweis, dass es so ist. Wenn du etwas
nicht glauben willst, dann kann nichts und niemand dich vom Gegenteil überzeugen.“
Henry wischt sich mit der Hand über sein Gesicht und atmet tief ein, um dann ganz langsam
wieder auszuatmen.
„Und wahrscheinlich behauptest du auch, dass ich nur deshalb Luft atme, weil ich glaube,
dass ich Luft atmen muss, um zu überleben?“
„Ja! Alle Gesetze und Regeln treten in Kraft durch deinen Glauben. Aber ich betone noch
einmal: Du musst in gewissen Bahnen glauben und du weißt auch gar nicht bewusst,
an was du alles glaubst. Du kannst nicht einfach nicht mehr glauben, oder beliebig an
etwas anderes glauben. Versuch es! Glaub mir doch einfach, wenn du glaubst frei zu sein
in deinem Glauben.“
Henry überlegt kurz und stellt fest: „Das kann ich nicht!“
„Ich weiß. Macht auch nichts.“ David lächelt Henry an.
„Und wie kann ich dann an etwas glauben?“, fragt Henry interessierter.
„Seinen Glauben zu verändern ist sehr schwer. Es beginnt mit dem sich selbst öffnen für das
Unglaubliche. Je mehr du verstehst, dass die Welt auf deinem Glauben aufbaut und er deine
Umwelt erschafft, desto eher bekommst du die Möglichkeit auch andere Sachen bewusster
zu glauben. Das ist ein Prozess, der schnell, oder aber auch ganz langsam passieren kann.
Was du dann glaubst, hängt dann ganz von dir ab.“
David sieht immer noch das große Fragezeichen gepaart mit einem tiefen Unglauben in
Henrys Gesicht geschrieben, was ihn dazu veranlasst weiterzuerklären: „Stell dir vor dass
dein Glaube für deine Welt ungefähr so entscheidend ist, wie der Programmcode für ein
Computerspiel. Die Bilder die du auf dem Monitor siehst, hängen von der Programmierung
ab. Von was, glaubst du zum Beispiel, hängt der Flug eines Golfballes in einem
Golfsimulationsspiel ab: von den Newtonschen Gesetzen oder der Programmierung, die auf
den Newtonschen Gesetzen basiert?“
„Von der Programmierung natürlich. Und jetzt willst du mir wohl weismachen, dass meine
Welt ein Computerspiel ist und mein Glaube die Grundprogrammierung darstellt?“,
schlussfolgert Henry, in der Hoffnung ein ́nein ́ von David zu bekommen, stattdessen
antwortet dieser mit erfreuter Mine:
„Bingo! Du hast gerade den Jack Pot geknackt. Aber bitte betrachte das Computerbeispiel
nur als eine Metapher für einen höheren Komplex, den du noch nicht greifen kannst. Es ist
ein Gleichnis, wie man eine höhere Wirklichkeit auf einer unteren Stufe anschaulicher
darstellen kann. Genauso schwierig ist es für eine Spielfigur in einem Videospiel, sich der
eigenen Programmierung bewusst zu werden.“
Henry schaut David mit leicht irritiertem Ausdruck an und gibt dann offen zu:
„Sorry, David, aber das ist mir zu upgespaced. Ich meine, es ist zu weit von meiner
Wirklichkeitsvorstellung entfernt. Vielleicht ist es so, wie du es sagst, aber wenn es so ist,
dann bin ich noch weit davon entfernt, das zu verstehen“.
„Das macht auch nichts. Rom wurde auch nicht an einem Tag gebaut. Lass uns mal weiter
lesen vielleicht beantwortet ja noch der ein oder andere Baustein in dem Buch deine offenen
Fragen. Ich glaube, es sollte vorerst auch genug damit sein, sonst bist du nicht mehr
aufnahmefähig für das, was noch folgt. Am besten du lässt die Glaubensfrage einfach mal so
stehen.“
„Gut. So machen wir`s“, willig Henry ein, öffnet das Buch wieder und liest weiter.